Unterbrechen als Grundvollzug des geistlichen Lebens meint das bewusste Innehalten, bei dem der Mensch den gewohnten Fluss von Arbeit, Pflichten, inneren Automatismen durchbricht. Exerzitien, Geistliche Begleitung, Hinführung zu Gebet und Kontemplation helfen, Raum für Gottes Gegenwart im Alltag zu schaffen

Text: Thomas Schmidl – Photo: geralt/pixabay.com

Annäherungen ans Thema
„Unterbrechung“ als erschütternder Zusammenbruch von Gewohntem

Wir leben in einer unheimlichen Zeit voller Abbrüche und Veränderungen. „Zeitenwende“ war das Wort des Jahres 2022 und bezog sich auf die aufrüttelnde Rede von Olaf Scholz im Deutschen Bundestag kurz nach dem Einmarsch der Russen in der Ukraine und dem Beginn des Krieges. Seither tauchte dieses Wort in vielfältigen Situationen auf, um eine Grunderfahrung unserer Zeit zu benennen. Was Jahrzehnte lang Gültigkeit hatte, wurde unterbrochen und man versucht verzweifelt, möglichst schnell zur „Normalität“ zurückzukehren oder sich neu auf Zukunft einzustellen. Schon vor dem Ukrainekrieg und dem Ampel Aus in Deutschland gab es während der Pandemie ähnliche Erfahrungen: zuerst einen von so niemand geglaubten Zusammenbruch von Normalität und später ein möglichst schnelles Überwinden dieser „bleiernen Zeit“.

Leben ohne Unterbrechung: der „rasende Stillstand

Dem oben beschriebenen Phänomen der Abbrüche steht eine menschliche Grunderfahrung diametral gegenüber, der es immer weniger gelingt, dem „rasenden Rad der Zeit“ zu entkommen und sein Leben zu unterbrechen.

Das für mich eindrücklichste Bild für dieses Eingespanntsein in stetig wechselnde und doch gleichbleibende Arbeits-und Zeitbezüge stammt von dem romantischen Dichter Wilhelm Heinrich Wackenroder. In einem Märchen, das er in seinen „Phantasien über die Kunst“ veröffentlicht hat, erzählt er von einem nackten Heiligen, der in einer Felsenhöhle an einem Fluß lebt. Eines Tages wird er von einer Karawane entdeckt und seit dieser Zeit streben immer wieder Wallfahrer zu ihm, um ihn zu besuchen.

„(…) Dieses wunderliche Geschöpf hatte in seinem Aufenthalte Tag und Nacht keine Ruhe, ihm
dünkte immer, er höre unaufhörlich in seinen Ohren das Rad der Zeit seinen sausenden
Umschwung nehmen. Er konnte vor dem Getöse nichts tun, nichts vornehmen, die gewaltige
Angst, die ihn in immerwährender Arbeit anstrengte, verhinderte ihn, irgend etwas zu sehn und
zu hören, als wie sich mit Brausen, mit gewaltigem Sturmwindssausen das fürchterliche Rad
drehte und wieder drehte, das bis an die Sterne und hinüberreichte. (…) er konnte nun nicht ruhn,
sondern man sah ihn Tag und Nacht in der angestrengtesten, heftigsten Bewegung, wie eines
Menschen, der bemüht ist, ein ungeheures Rad umzudrehen.“[1]

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa[2] umschreibt dieses Grundgefühl mit dem Begriff des „rasenden Stillstands“ – ein Zustand, in dem sich das Leben scheinbar unaufhaltsam beschleunigt, ohne dass wir das Gefühl haben, voranzukommen. Rosas Konzept beschreibt eine Dynamik, in der das System nur durch ständige Bewegung stabil bleibt, aber keinen wirklichen Fortschritt erzeugt. Wirtschaftliches Wachstum, politische Reformen oder technologische Innovationen scheinen sich gegenseitig zu jagen, ohne dass sich grundlegende Probleme wie soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung oder Sinnkrisen lösen. Es ist, als ob die Gesellschaft auf einem Laufband rennt, das sich immer schneller dreht – ohne Ziel, ohne Richtung.

Aber auch das subjektive Erleben der Zeit ist von diesem Konzept beeinflusst: Immer mehr Aktivitäten werden in immer kürzeren Zeiträumen erledigt. Multitasking, Zeitmanagement-Apps und der ständige Druck zur Selbstoptimierung sind Ausdruck dieses beschleunigten Lebenstempos. Ruhe und Müßiggang gelten oft als Zeitverschwendung – eine Haltung, die langfristig zur psychischen Erschöpfung führen kann. Nicht umsonst ist das Burnout eine der Grunderkrankungen unserer Zeit. Wenn es gelingt, die Arbeitszeit doch einmal zu unterbrechen, gelten in Freizeit oder Urlaub ähnliche Mechanismen der Unruhe.

Dieser Zustand erzeugt ein Gefühl der Entfremdung: Menschen verlieren das Gefühl, mit der Welt in Resonanz zu stehen. Sie spüren eine wachsende Distanz zu ihrer Arbeit, ihren Mitmenschen und sogar zu sich selbst. Die Beschleunigung führt also nicht nur zu körperlicher, sondern auch zu existenzieller Erschöpfung.

„Unterbrechung“ als Grunderfahrung bei Exerzitien im Alltag

Exerzitien im Alltag setzen die Grundbereitschaft voraus, über einen gewissen Zeitraum den Alltag regelmäßig eine kurze Zeit zu unterbrechen, um sich in einer Gebetszeit den vorgegebenen Impulsen zu widmen. Beim wöchentlichen Austausch über die jeweiligen Erfahrungen taucht das Thema „Unterbrechung“ neben den Erfahrungen mit den inhaltlichen Impulsen immer wieder auf. Für viele Menschen ist es in ihrem Alltag äußerst schwierig, ihren Alltag auch nur für eine kurze Zeit zu unterbrechen. Zum einen fällt es manchen Menschen schwer, einen Ort in ihrer Wohnung zu finden, wo sie sich ungestört den Impulsen und dem Gebet widmen können, zum anderen kann es im Tagesablauf schwerfallen, eine geeignete Zeit dafür zu finden.

Meine Erfahrung war, dass Ersatzlösungen gesucht werden – neben dem leeren Kirchenraum z. B. die Fahrt auf dem Rad ins Büro, um zum Beten zu kommen. Diese Ersatzlösungen können aber eine intensive Erfahrung behindern, da so die Impulstexte statt kontinuierlich in einer begrenzten Zeit einmal in der Woche oder am Tag vor der Austauschrunde gelesen werden und so ein tieferes Eindringen verhindert wird. Manche Menschen brechen deswegen die Exerzitien ab oder sind in der Anhörrunde mehr mit ihrem schlechten Gewissen beschäftigt.

„Unterbrechung“ als kürzeste Definition von Religion

Von Johann Baptist Metz  stammt die wahrscheinlich „Kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung“. In seinem 1977 erschienen Buch „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“ führt er dazu aus:

„Erste Kategorien der Unterbrechung: Liebe, Solidarität, die sich Zeit ‚nimmt‘ (M. Theunissen); Erinnerung, die nicht nur das Gelungene, sondern das Zerstörte, nicht nur das Verwirklichte, sondern das Verlorene erinnert und sich so gegen die Sieghaftigkeit des Gewordenen und Bestehenden wendet: gefährliche Erinnerung, die gerade so das ‚christliche Kontinuum‘ rettet.“[3]

Frei formuliert könnte man Metz grundlegende Intention so ausdrücken: Christlicher Glaube ist kein Sedativ, sondern eine Unterbrechung der Welt, wie sie ist – im Namen der Welt, wie sie sein soll. Obwohl es Metz hier also ursprünglich und in erster Linie um einen gesellschaftskritischen Begriff von Religion und Glauben geht, kann er meines Erachtens auch heute auf den oben geschilderten Umgang mit der Zeit übertragen werden: Nur wer innehält und sich unterbrechen lässt, gewinnt die nötige Distanz zum eigenen Leben, die es ermöglicht, sich neu auf Gott auszurichten und das eigene Leben unter neuer Perspektive zu ‚lesen‘.

Biblische Impulse zum Thema „Unterbrechung“

Im Folgenden will ich eher fragmentarisch auf einige zentrale Stellen aus dem Ersten und Neuen Testament eingehen.

Der Schabbat als Unterbrechung der Schöpfung (Gen 2,3)
Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.

Im Buch Genesis heißt es, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf und am siebten Tag ruhte. Die Ruhe Gottes nach der Weltschöpfung in 6 Tagen ist nicht Ausdruck seiner Erschöpfung, sondern eine bewusste Unterbrechung der schöpferischen Tätigkeit. Sie verleiht dem siebten Tag eine besondere Bedeutung: Er wird gesegnet und geheiligt. Der jüdische Schabbat und in seiner Analogie der christliche Sonntag entziehen für einen Tag in der Woche den Menschen dem Modus des Verfügens und gibt Raum für Besinnung, Beziehung und Ruhe.

Die Namensoffenbarung Gottes am brennenden Dornbusch (Ex 3,1 ff.)
Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. (…) Der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. (…) Als der HERR sah, dass Mose näherkam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusch zu: (…) Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“

In diesem Text können wir einer dreifachen Unterbrechung begegnen. Zunächst einmal wird erwähnt, dass Mose sein gewohntes Weidegebiet überschreitet. Dort nimmt er den brennenden Dornbusch wahr, lässt seine Alltagsbeschäftigung für einen Moment zurück, um sich dem Ungewohnten zu nähern. Die Arbeit geht in eine Zwiesprache mit Gott über, nachdem er sich seines Alltagsattributes Schuhe entledigt und sich sein Gesicht verhüllt hat. Während im Schöpfungsbericht also eine „heilige Zeit“ Hintergrund für eine Besinnung und Begegnung mit Gott darstellt, ist es hier ein „heiliger Ort“, der die Unterbrechung des Gewohnten und Alltäglichen ermöglicht.

Jesu Wüstenerfahrung und die unterbrochene Zeit in seiner Reich-Gottes-Botschaft  (Mk 1,12-14)
Und sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste. Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.                                                
Nachdem Johannes ausgeliefert war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.

Auch in den Evangelien haben Unterbrechungen immer wieder eine zentrale Bedeutung. Vor der Aufnahme seiner Verkündigung zieht sich Jesus, vom Geist getrieben, in die Wüste zurück, um seinen Weg zu finden und den Versuchungen des Widersachers zu widerstehen. In der inhaltlichen Verkündigung des Reiches Gottes werden zwei Umbrüche deutlich, auf die Jesus verweist. Im Verweis auf die „erfüllte Zeit“ stellt er sich in die Äonenlehre der Apokalyptik, die auf eine neue Zeit verweist, in der der Messias kommen wird. Gleichzeitig ruft er zur Umkehr, zur Metanoia auf. Heute würden wir vielleicht eher von einem Umdenken, einem Perspektivwechsel sprechen, nämlich in den Anfechtungen des alten Äons nicht die Zeichen des nahe herbeigekommenen Reiches zu übersehen, das eine wirklich frohe und befreiende Botschaft verheißt.

Jesu Unterbrechungen seines Einsatzes für die Menschen, um zu beten (Mk 6,33-52)
Gleich darauf drängte er seine Jünger ins Boot zu steigen und ans andere Ufer nach Betsaida vorauszufahren. Er selbst wollte inzwischen die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, ging er auf einen Berg, um zu beten.

Das obige Zitat stammt aus dem Übergang von der wunderbaren Speisung der Fünftausend zu Jesu Seewandel. Es ist exemplarisch für unzählige weitere Stellen, in denen deutlich wird, dass Jesus sich nicht in seiner Zuwendung für die notleidenden Menschen total verausgabt wie Menschen, die ein Helfersyndrom entwickeln, sondern dass das Gebet und damit die unterbrochene Zeit für Gott eine Quelle seiner befreienden Macht darstellt, die er immer wieder andere erfahren lässt.

Jesu Verklärung: der Gewinn einer neuen Sicht (Mt 17,1-9)
Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. (…) Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie, und siehe, eine Stimme erscholl aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe, auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht auf den Boden und fürchteten sie sich sehr. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht!

Auch hier steht ähnlich wie bei den anderen angeführten Stellen eine räumliche (Berg) und zeitliche (von den anderen Jüngern) Trennung am Beginn. Erst dies öffnet die Augen und Ohren für die Vision mit Elija und Mose und die Audition der Stimme aus der Wolke. In dieser Unterbrechung gewinnen die Jünger einen veränderten Blick auf Jesus, seine Kontinuität mit der Tradition der jüdischen Heilsgeschichte und seine göttliche Dimension. Dies verändert ihr Leben grundlegend, was man an den geschilderten Gefühlen sehen kann.

Emmaus: noch einmal Perspektivwechsel und Umkehr (Lk 24,13-35)
Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten Jerusalem zurück.

Auch in der Emmausgeschichte ist das Motiv der Unterbrechung vielfach vorhanden. Zunächst einmal wird ein Abbruch berichtet. Die Jünger, die ihre ganze Hoffnung auf Jesus als den Messias gesetzt hatten, verlassen verzweifelt und desillusioniert Jerusalem, um in ihren Alltag zurückzukehren. Aus dieser seelischen Abwärtsspirale holt sie der unerkannte Jesus heraus, indem er ihnen die Schrift auslegt, was dazu führt, dass sie ihn einladen, den Abend in ihrer Herberge zu verbringen. Die Begegnung findet ihren Höhepunkt im Brechen des Brotes und darin im Wiedererkennen ihres Meisters. Doch genau in diesem Augenblick entzieht sich ihnen Jesus. Es kommt also zu einer weiteren Unterbrechung und damit zum Wendepunkt, indem die Jünger das auf dem Weg Erlebte reflektieren und zu einer neuen Einsicht gelangen: Jesus lebt. Dies bringt sie zur unmittelbaren Rückkehr nach Jerusalem und unterbricht damit ihre Verzweiflung in einer neuen Hoffnung und einem tieferen Glauben an Jesus.

All diese Beispiele zeigen, wie wichtig Unterbrechung für eine Begegnung mit dem lebendigen Gott und unseren Glauben ist. Überspitzt könnte man sagen: Ohne Unterbrechung gibt es keinen Raum für Glauben und Umkehr.

„Unterbrechungen“ in einer Spiritualität des Alltags

Das Christentum befindet sich heute in einer tiefgreifenden Krise. Diese ist mehr als nur eine Krise der Institutionen, die sich in sinkenden Mitgliederzahlen, Kirchenaustritten und leerer werdenden Kirchen zeigt. Sie reicht tiefer: Es ist eine fundamentale Gotteskrise, die das Zentrum des christlichen Glaubens erschüttert. Gemeint ist damit, dass nicht einfach nur das Vertrauen in die Kirche schwindet, sondern der Glaube an Gott selbst brüchig wird. Dies wird zunächst an wegbrechenden kirchlichen Ritualen und Gemeinschaft sichtbar, und durch die fehlende Praxis verliert die christliche Rede von einem transzendenten, persönlichen Gott, der uns Menschen anspricht und in Beziehung ruft, immer mehr an Kraft.

Der Essener katholische Bischof Franz-Josef Overbeck hat immer wieder von einer „Verdunstung Gottes“ gesprochen. Damit meint er, dass Gott langsam, still und fast unmerklich aus dem Leben der Menschen verschwindet – wie Wasser, das verdunstet. Es ist keine dramatische, plötzliche Abkehr, sondern ein schleichender Prozess, der unsere Gesellschaft, aber auch das geistliche Leben der Menschen prägt.

Was auf der Strecke bleibt, ist oft das Herzstück unseres Glaubens: eine lebendige Beziehung zu Gott. Eine solche Beziehung ist aber ohne Unterbrechung des oben beschriebenen sich ständig beschleunigenden Arbeits- und Freizeitmodus nur schwer möglich. Geistliche Begleitung und persönliche Spiritualität erfordern eine Unterbrechung, damit wir die Erfahrung machen können, „dass wir im Tiefsten unseres Seins immer schon von Gott berührt und umfangen sind.“[4] Dafür benötigt es Innehalten und Einkehr in uns selbst. Im Folgenden will ich nun einige Möglichkeiten erläutern, wie Innehalten und Einkehr auf dem Weg der geistlichen Begleitung konkretisiert werden, sodass sie zu einer Grundlage der persönlichen Spiritualität werden. Auf dem Weg der geistlichen Begleitung ist es sinnvoll, dieses Thema anzusprechen und gegebenenfalls Impulse für eine Vitalisierung des geistlichen Lebens zu geben.

Einen Ort und Zeit finden

Wie im einleitenden Teil schon erwähnt, fällt es manchen Menschen schwer, eine feste Zeit und einen Ort zu finden, um einen Raum für Gebet oder Reflexion zu finden. Nicht nur deshalb sind religiöse Meditations- oder Kontemplationskurse oft schon früh ausgebucht. Andere nutzen den Jakobsweg, um eine Brach-Zeit für sich und Gott zu finden. Auch der immer noch anhaltende stark frequentierte Besuch der Brüdergemeinschaft in Taizé kann als Bemühung gesehen werden, sich so eine Auszeit zu gönnen.

Schwieriger wird es, eine solche stetige Auszeit in den persönlichen Alltag einzufügen. Da gilt es, die Suche anzutreten, welche Zeiten in meinem Wochenablauf dafür günstig sind und wo ich Zeit und Stille möglich ungestört in meinem Wohnumfeld finden kann. Je nach Lebens- und Wohnsituation erfordert dies Absprachen mit der Familie oder Partner*innen und hängt natürlich auch von den persönlichen Wohnbedingungen ab.

Ich halte es aber für überaus wichtig, solche Freiräume zu finden, in denen ich regelmäßig meine Zeit für Gott unterbrechen kann, um ein geistliches Leben zu führen. Viele Menschen überlassen dies dem Zufall und so fehlt oft eine Kontinuität auf dem spirituellen Weg.

Neben den traditionellen Morgen- und Abendgebeten oder den wiederkehrenden Gebeten wie Vater Unser oder Ave Maria gibt es heute eine Reihe dem Alltag der Menschen angepassten Angebote von Stundengebeten im Alltag. Das von den Benediktiner*innen herausgebrachte Te Deum oder auch Magnificat wären hier zu nennen. Sie bieten neben verkürzten Psalm- und Schrifttexten auch Tagesimpulse mit Kurzzitaten aus dem Schatz der christlichen Spiritualität.

Ein weiteres wertvolles Gebet ist das aus der ignatianischen Spiritualität kommende Gebet der liebenden Aufmerksamkeit. In ihm gilt es, im Rückblick auf den Tag Spuren Gottes zu entdecken, Gott für positiv Erfahrenes zu loben, ihm zu danken und um seine Gnade dort zu bitten, wo etwas im eigenen Leben heilungsbedürftig ist.  Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit führt oft dazu, dass der Mensch sensibler wird für die kleinen Zeichen der Liebe Gottes im Alltag. Es wächst eine Grundhaltung der Dankbarkeit. Zudem wird man aufmerksamer für die inneren Bewegungen der Seele. Man lernt, zu spüren, was einen näher zu Gott bringt und was eher wegführt. So wird das tägliche Leben selbst zum geistlichen Übungsfeld. Es geht nicht darum, den Tag schönzufärben, sondern ihn ehrlich im Licht Gottes zu betrachten.

Focusing als spiritueller Übungsweg

Einen ähnlichen ganzheitlichen Zugang beschreibt Peter Lincoln in seinem Buch Wie der Glaube zum Körper findet.[7]  Er nutzt Focusing als einen spirituellen Übungsweg, der den christlichen Glauben tief im Leib verankern will. Für Lincoln ist der Glaube keine rein verstandesmäßige oder nur innerliche Angelegenheit, sondern eine ganzheitliche Erfahrung, die Leib, Seele und Geist umfasst. Er zeigt auf, dass unser Körper weit mehr ist als bloßes Gefäß oder Werkzeug; er ist ein lebendiger Resonanzraum, in dem sich Glaubenswahrheiten konkret und spürbar entfalten können. Lincoln greift dabei auf die von Eugene Gendlin entwickelte Methode des Focusing zurück, die ursprünglich aus der Psychotherapie stammt. Sie lädt dazu ein, achtsam innezuhalten und in den Körper hineinzuhorchen, um dort ein oft vages, schwer benennbares Ganzheitsgefühl wahrzunehmen – den sogenannten „Felt Sense“. Dieser Felt Sense enthält implizites Wissen über das, was uns bewegt, und kann im Licht des Glaubens gedeutet und vertieft werden.

Im Focusing-Prozess wird dieser Felt Sense bewusst genutzt: Man hält inne, richtet die Aufmerksamkeit nach innen und horcht in den Körper hinein, um wahrzunehmen, wo sich etwas zeigt, das mit dem Thema zu tun hat. Dieses vage Gefühl wird willkommen geheißen, es darf da sein, ohne sofort analysiert oder weggewischt zu werden. Dann versucht man, Worte, Bilder oder Gesten zu finden, die genau zu diesem Körpergefühl passen, und prüft, ob sie wirklich stimmig sind. Häufig verändert sich der Felt Sense dabei, wird klarer oder löst sich, und man spürt, dass sich innerlich etwas ordnet oder entlastet.

Für Peter Lincoln bekommt der Felt Sense in seinem Buch Wie der Glaube zum Körper findet eine spirituelle Dimension: Er sieht darin einen Resonanzraum für das Wirken Gottes. Indem man aufmerksam wahrnimmt, was im Körper spürbar wird, wird der Glaube nicht nur gedacht, sondern verkörpert. Tiefe geistliche Einsichten, Trost oder auch heilsame Korrekturen können so auf einer leiblichen Ebene „aufsteigen“, statt nur abstrakt im Kopf zu bleiben. Der Felt Sense ist damit eine Brücke, über die Glaube und Leben, Geist und Leib, Kopf und Herz miteinander verbunden werden. In kurzer Form lässt sich sagen: Ein Felt Sense ist ein körperlich gespürtes, oft vages, aber bedeutungsvolles Ganzheitsgefühl, das auf ein Thema oder eine Situation verweist und in dem sich — im spirituellen Verständnis — auch Gottes leises Wirken zeigen kann.

Beten als „Tiefenbohrungen“ (Madeleine Delbrêl)

Madeleine Delbrel (1904–1964) war keine Frau der Abgeschiedenheit, sondern eine Christin mitten im Getriebe der Welt: Sozialarbeiterin, Dichterin, Mystikerin in einer atheistischen Arbeitervorstadt bei Paris. Ihre Spiritualität ist geprägt von einer radikalen Liebe zum Alltag. Gerade dort, wo andere nur Banalität oder Last sehen, entdeckt sie den bevorzugten Ort der Gottesbegegnung. Dafür prägte sie das eindrucksvolle Bild der „Tiefenbohrungen des Alltags“.

Madeleine Delbrêl betrachtet das Gebet als lebensnotwendig – so unentbehrlich wie Essen, Trinken, Schlafen oder Atmen. Doch stellt sich für Menschen, die mitten im Alltag leben, die Frage, wie solches Beten konkret möglich ist, wenn Zeit und Raum fehlen. Anfangs orientierte Delbrêl sich noch stark an den Gebetszeiten von Priestern und Ordensleuten. Doch im Lauf der Jahre erkannte sie, dass Laien einen anderen Lebensrhythmus haben und daher auch „anders“ beten müssen.

„Man kann heute nicht mehr beten wie früher, es sei denn, man wäre in einem Kloster oder in einer bestimmten außergewöhnlichen Lebenslage. Doch folgt daraus keineswegs, dass man nicht mehr beten soll, nur anders wird man beten müssen, und dieses anders gilt es zu entdecken… Denn „Gott hätte sich wohl nicht die Mühe gemacht, uns zu erschaffen, um dann zuzulassen, dass wir ihm gegenüber keine Luft mehr bekämen.“[8]

Dieses „anders Beten“ gilt es kreativ zu entdecken.

Sie illustriert das mit Bildern: Statt auf das „5-Gänge-Menü“ (lange Gebetszeiten an besonderen Orten) zu warten, sollen wir die „Sandwiches“ des Alltags annehmen – das heißt, die kleinen „Zeitteilchen“ nutzen, die sich überall finden: beim Warten, beim Arbeiten, zwischen zwei Terminen. Es geht darum, den Alltag immer wieder bewusst zu unterbrechen, um „Kurs auf Gott zu nehmen“. Hier ist die Unterbrechung also nicht an Zeit und Ort gebunden, sondern bedeutet eher einen Perspektivwechsel

Dafür schlägt sie „Tiefenbohrungen“ vor: kleine Momente, in denen man mitten im Gewöhnlichen zu Gott hinabtaucht, wie ein Ölbohrturm, der mit wenig Platz auskommt, aber tief ins Erdreich reicht. So wird Gebet möglich, ohne dass man sich stundenlang zurückziehen muss.

„Früher haben die Leute manchmal von „Stoßgebeten“ gesprochen: das ist im Grunde etwas ganz Ähnliches. Es geht darum, immer wieder neu in Kontakt zu kommen mit der Liebe Gottes – so wie man auch versucht, mit einem geliebten Menschen immer neu in Beziehung zu sein. Deshalb spricht Madeleine Delbrêl auch davon, immer wieder eine „Tiefenbohrung“ zu machen. Wenn Jesus heute leben würde, schreibt sie, würde er vielleicht in einem Gleichnis von „Ölbohrtürmen“ sprechen. Jemand stößt in seinem Garten beim Umgraben plötzlich auf eine Ölquelle. Um sie immer wieder zu nutzen, braucht er nur ganz wenig Platz; er muss einen senkrechten Schacht bauen und darüber einen kleinen Turm errichten; so kann er sich immer den Zugang zur Tiefe ermöglichen. So ist es auch mit dem Gebet: man braucht keinen stundenlangen Rückzug und auch keine Kapelle oder Kirche, um bei Gott zu sein. Es genügt, zu ihm hinabzutauchen, da, wo man gerade ist: eine „Tiefenbohrung“ machen.[9]

Allerdings betont Delbrêl auch die Notwendigkeit von Zeiten der Stille und des Rückzugs, etwa in Exerzitien. Entscheidend ist für sie weniger die Dauer des Gebets als seine Intensität und die Sehnsucht, bei Gott sein zu wollen. Schon ein paar Minuten solcher Liebe können mehr bewirken als lange, aber gleichgültige Stunden.

„Gott genug lieben, um bei ihm sein zu wollen, das Verlangen dieser Liebe in sich tragen: das verleiht die Kraft, das härteste, dichteste Leben zu durchbohren und betend zu dem hinzugelangen, den wir lieben. Ein paar Minuten solchen Gebets können uns Gott überantworten, restloser als viele vielleicht sehr gesammelte Stunden, denen diese bebende Sehnsucht nicht vorausging.“[10]

Der kontemplative Weg

In kirchlichen Bildungshäusern und Geistlichen Zentren werden immer häufiger Kontemplative Exerzitien angeboten, die oft schon schnell ausgebucht sind. Der Grund dafür ist, dass viele Menschen in unserer schnelllebigen Zeit Auszeiten suchen, um sich selbst und darin Gott näher zu kommen. Darin macht sich eine innewohnende Sehnsucht Raum, die im Alltag oft nicht genügend Gestalt annehmen kann. In ihnen regt sich etwas, das im Blick in die Tiefe sich zeigt, wie es der tschechische Theologe Tomáš  Halík häufig zum Ausdruck bringt: „In der Tiefe aller Hoffnungen der Menschen gibt es etwas, das den Menschen überschreitet. Das ist eine Spur der Transzendenz.“[11]  Bei einigen Menschen bleibt es bei solchen spirituellen Inselerfahrungen, andere versuchen aber, das Erlebte in die Alltagspraxis zu integrieren. Wo sich eine solche Sehnsucht in der Geistlichen Begleitung zeigt, kann auf solche Seminare oder Exerzitien verwiesen werden oder aber auf Ansätze, die versuchen, kontemplative Impulse in den Alltag umzusetzen. Exemplarisch möchte ich mich dabei auf die Darstellung des Herzensgebets nach Franz Jalics SJ und einem etwas anderem Ansatz seines Ordensmitbruders Bertram Dickerhof SJ begrenzen.

Der sogenannte Grieser Weg von Franz Jalics SJ ist ein kontemplativer Übungsweg innerhalb der christlichen Spiritualität, der in seiner Klarheit, Einfachheit und Tiefe vielen Menschen einen Zugang zur Gegenwart Gottes erschlossen hat. Benannt ist dieser Weg nach dem Exerzitienhaus im fränkischen Gries bei Kronach, wo Jalics über viele Jahre kontemplative Exerzitien anleitete.

Franz Jalics, ein ungarischer Jesuit, entwickelte diesen Weg aus seiner eigenen Lebensgeschichte – u.a. durch eine lange Gefangenschaft während der Militärdiktatur in Argentinien, in der er Gott in tiefer Stille erfahren hat. Er beschrieb den Weg detailliert in seinem Buch „Kontemplative Exerzitien“[12], das heute als Klassiker geistlicher Literatur gilt. Viele Menschen – Laien wie Ordensleute – berichten, dass sie durch diesen einfachen, stillen Weg eine neue Tiefe im Glauben, inneren Frieden und größere Wachheit im Alltag erfahren haben.

Der Grieser Weg versteht Kontemplation nicht als esoterische Technik oder meditative Entspannungsübung, sondern als einen Weg der Gottesbeziehung, der den ganzen Menschen erfasst. Er ist gegliedert in mehrere Schritte, die aufeinander aufbauen und den Übenden langsam in eine Haltung der wachen, liebenden Aufmerksamkeit hineinführen.

Der erste Schritt besteht in der Schulung der Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit. Dabei kann der Weg in die Natur helfen. Sie kann eine Lehrmeisterin der Kontemplation sein und den Übenden für die Achtsamkeit öffnen: Wer bewusst eine Blume, einen Baum oder einen Stein wahrnimmt und sie innerlich wirken lässt, bekommt einen Geschmack von Kontemplation als Wahrnehmung. Diese äußere Wahrnehmung wird zur inneren Resonanz, die den Weg in die Kontemplation öffnet. Die Übenden richten ihre Aufmerksamkeit auf einfache, gegenwärtige Erfahrungen: den Atem, das Sitzen, die Hände. In dieser Phase geht es darum, den rastlosen Gedankenstrom zu beruhigen und im Hier und Jetzt anzukommen – ohne etwas zu analysieren oder zu bewerten. Die Aufmerksamkeit wird geschärft, der Geist wird stiller. Diese Verankerung in der Sinneswahrnehmung bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte, denn nur wer wirklich präsent ist, kann sich öffnen für das, was jenseits von Worten geschieht.

Darauf aufbauend führt Jalics die Übenden in das Herzensgebet ein – ein uraltes kontemplatives Gebet der Kirche, das aus wenigen Worten besteht, zum Beispiel: „Jesus Christus, erbarme dich meiner“. Dieses Gebet wird in den Atemrhythmus eingebettet: Beim Einatmen wird innerlich „Christus“ und beim Ausatmen „Jesus“ gesprochen. Die Wiederholung des Namens hilft, den Geist weiter zu sammeln, das Herz zu öffnen und sich auf Gott auszurichten. Im Laufe der Zeit wird das Gebet stiller, es sinkt tiefer ein, wird Teil der inneren Bewegung. Der Grießer Weg endet nicht in der Meditation, sondern zielt auf eine Verwandlung des ganzen Lebens. Wenn sich der Mensch in der Stille in Gott verwurzelt, beginnt er, die Gegenwart Gottes in allen Dingen zu erfahren – in der Natur, in Begegnungen, im Alltag, auch im Leid. Die Kontemplation wird zur Haltung, die den Blick auf die Welt verändert: stiller, aufmerksamer, liebevoller. So wird der ganze Alltag zu einem Ort der Gottesbegegnung.

Begleitet wird dieser Weg stets von einer inneren Haltung der Demut und Dankbarkeit. Jalics legt großen Wert darauf, dass Kontemplation kein „spirituelles Erlebnisprogramm“ ist, sondern ein Weg des Wachsens, der sich über lange Zeit entfaltet. Die Früchte dieses Weges zeigen sich oft nicht spektakulär, sondern in einer neuen Tiefe der Wahrnehmung, in Frieden, Wachheit und einer feineren Beziehung zu Gott und den Menschen.

Franz Jalics hat mit dem Grieser Weg einen Übungsweg geschaffen, der in der christlichen Tradition verankert ist und zugleich moderne Menschen anspricht, die auf der Suche nach einem lebendigen, tragenden Glauben sind. Die Kombination aus stiller Präsenz, biblisch geerdetem Gebet und lebensnaher Integration macht diesen Weg zu einer der wirksamsten kontemplativen Schulungen im deutschsprachigen Raum. Wer ihn ernsthaft geht, kann erfahren, dass Gott nicht weit weg ist, sondern in der Tiefe des Herzens wohnt – über alle Worte hinaus.

Bertram Dickerhofs Buch Innehalten an Grenzen – Grenzen überwinden[13] trifft bereits mit dem Titel einen Nerv der Zeit: Angesichts der drängenden Frage, wie wir mit den „Grenzen des Wachstums“ umgehen, fordert der Autor ein radikales Innehalten – einen bewusster Stopp unserer rastlosen Aktivität. Gleich zu Beginn beschreibt Dickerhof einladend, welchen Wert tägliche Zeiten der Stille haben und wie man achtsam mit dem Scheitern an der eigenen Praxis umgehen kann.

Spürbar von der ersten Seite an ist, dass hier ein erfahrener Praktiker spricht. In klarer Sprache, mit vielen Beispielen und ohne spirituellen Überbau führt er zur Kernthese des Buches: Nicht die angenehmen Meditationserfahrungen sind letztlich entscheidend, sondern die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Transformation entsteht dort, wo wir auf Widerstände stoßen – an den „Wänden“, an denen wir scheitern, bis wir bereit sind loszulassen. Entscheidend ist, ob wir fliehen oder innehalten, wenn etwas nicht in unsere Erwartungen passt. Dickerhof nennt diese moderne Erwartungshaltung „Idiopolis“ – eine Welt, in der Selbstzentrierung herrscht und die gerade deshalb zur Herausforderung wird, sich dem wahren Selbst und einer tieferen Dimension des Lebens zu öffnen.

Der kreative Umgang mit Grenzerfahrungen bildet das Herzstück der Meditation. Das Buch ist nicht nur eine theoretische Einführung, sondern enthält zahlreiche praktische Hinweise bis hin zu einem „Methodenköfferchen“. Es ist zugleich Teil eines über Jahre gewachsenen Übungsweges: Darin zeigt sich eine strukturierte Praxis mit wöchentlich zwei Meditationstexten – einem biblischen und einem aus einer anderen religiösen Tradition – zur täglichen Reflexion und stillen Meditation. Diese Textpaare bilden das Zentrum des Buches und werden fundiert kommentiert, sodass ein persönlicher und spiritueller Wachstumsweg nachvollzogen werden kann.

Besonders hervorzuheben ist Dickerhofs ruhiger, alltagsnaher Stil, der ohne esoterische Versprechen auskommt und dennoch tiefgründig bleibt. Seine christliche Verankerung wird nicht versteckt, sondern in einem Exkurs über das Gebet Jesu sichtbar gemacht: Die jesuanischen Themen von Versöhnung und Vergebung entspringen der Gottesbeziehung und führen zu einer weiten, interreligiösen Offenheit, getragen von einer freilassenden und selbstlosen Liebe – dem, was Dickerhof als den „Grund aller Wirklichkeit“ beschreibt.

So wird Meditation nicht nur als persönliche Übung verstanden, sondern als Weg zu einem friedlicheren, achtsameren Leben – mit Folgen bis in soziale und politische Zusammenhänge.

Förderung von Unterbrechungen in der Geistlichen Begleitung

Die geistliche Begleitung ist ein besonders geeigneter Ort, um diesen Grundvollzug zu fördern, weil sie von ihrer Struktur her schon eine Unterbrechung darstellt. Wer sich zu einem solchen Gespräch aufmacht, unterbricht den gewohnten Alltagsfluss und betritt einen geschützten Raum, der dem geistlichen Hören und der Suche nach Gott auf dem eigenen Lebensweg dient.

Dabei ist wichtig, dass die begleitende Person aufmerksam zuhört, aber auch Raum für Schweigen gibt. Ihre Impulse können den gewohnten Gedankengang „unterbrechen“ und eine tiefere Ebene öffnen: „Wo ist Gott in dieser Erfahrung?“, „Welche Spur bleibt, wenn du alles loslässt, was dich gerade antreibt?“, oder „Was berührt dich an diesem Ereignis am meisten?“

Diese Unterbrechungen im Gespräch laden dazu ein, neu zu sehen, bekannte Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die eigene Gottesbeziehung zu vertiefen.

Auch methodisch kann geistliche Begleitung diesen Prozess fördern – etwa durch bewusst gesetzte Pausen, in denen nichts gesagt wird, um inneres Nachspüren zu ermöglichen, oder durch meditative Elemente, wie z. B. das sich Versetzen in eine biblische Person durch eine Phantasiereise oder eine bewusst eingehaltene Zeit der Stille, um anzukommen.

Geistliche Begleitung kann so zu einem Ort werden, an dem Unterbrechen nicht als Störung, sondern als eine Einladung erlebt wird, den eigenen Lebensweg immer wieder im Licht Gottes zu betrachten und sich von ihm ausrichten zu lassen.

Neben der praktischen Erfahrung und Einübung von geistlichen Unterbrechungen in der Geistlichen Begleitung kann in ihr mit der begleiteten Person zusammen reflektiert werden, wie Unterbrechungen in ihrem geistlichen Alltagsleben integriert werden können. Es geht dabei darum, zusammen zu überlegen, wie der jeweilige Weg zu regelmäßigen Unterbrechungen aussehen könnte. Die hier dargestellten verschiedene Möglichkeiten, spirituelle Unterbrechungen in das eigene Leben einzufügen, sind dabei weder als Parcours noch als Wettbewerb zu verstehen, möglichst viele Leistungen und Erfolge zu erzielen. Die Begleitung sollte sorgfältig zuhören, wenn sich in den Gesprächen die Sehnsucht nach Unterbrechung zeigt und konkrete Impulse und Angebote unterbreiten, wie Unterbrechung jeweils in der Lebensrealität der begleiteten Person Gestalt annehmen kann. Die genannten Möglichkeiten und Impulse können hierfür so etwas wie ein Tool für die Begleitung sein.

Plädoyer für eine „Mystik der offenen Augen“ in einer Zeit der Polykrisen

Johann Baptist Metz, auf den ich mich schon oben bezogen habe, prägte den Begriff der „Mystik der offenen Augen“ als eine Form spiritueller Haltung, die sich bewusst von einer rein privaten, weltabgewandten Frömmigkeit distanziert. Gerade in unserer hektischen, von Krisen und Ängsten geschüttelten Welt, läuft Spiritualität in ihren vielfältigen Formen Gefahr, zur Wellness zu erstarren oder zum Vergessen der Leiden der Welt. Im Gegensatz zu einer kontemplativen Frömmigkeit, die das Ziel hat, privaten inneren Frieden zu erlangen, fordert die Mystik der offenen Augen ein Wachsein gegenüber der Wirklichkeit, ein Hinhören auf den „Schrei der Armen“ und ein Mitleiden mit den Verwundeten dieser Welt. Sie ist eine politische Mystik im besten Sinne: nicht parteipolitisch, sondern existenziell-parteilich für die Würde des Menschen. Die Gottesbeziehung wird dabei nicht als Flucht verstanden, sondern als Quelle für Verantwortung, Solidarität und Widerstand. Christlicher Glaube, so Metz, ist nicht zuerst eine Weltanschauung, sondern ein Eingedenken der Passion Christi – und damit auch ein Eingedenken der Leidensgeschichten aller Menschen. Die Mystik der offenen Augen hält dieses Gedächtnis wach, damit es zur Orientierung im Handeln wird. In einer Zeit globaler Krisen, sozialer Kälte und spiritueller Selbstberuhigung ruft Metz mit dieser Form der Mystik zu einer Umkehr: weg von innerlicher Abschottung, hin zu einer offenen, schauenden, mitleidenden Spiritualität, die sich in das konkrete Leben hinein verströmt. Die Mystik der offenen Augen ist damit eine Mystik der Verantwortung, der Unterbrechung und der Hoffnung – radikal biblisch, tief verwurzelt im menschgewordenen Gott und hellhörig für das, was heute Not tut.

Wenn ich mich explizit hier auf Metz beziehe, ist meine Absicht nicht darin zu sehen, den begleiteten Menschen seine Weltsicht aufzuzwingen. Es geht eher darum, als Begleiter wach zu sein, dass der spirituelle Weg der Begleiteten sich nicht gleichsam als Wellness auf das eigene Wohlfühlen beschränkt.


[1] Wilhelm Heinrich Wackenroder, Ein wunderbares morgenländischen Märchen von einem nackten Heiligen, in: Phantasien über die Kunst; zitiert nach https://archive.org/details/bub_gb_UMUCAAAAYAAJ/page/n236/mode/1up

[2] Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt 2005; H. Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Frankfurt 2016

[3] Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz 1977, S.151

[4] Simon Peng-Keller, Überhelle Präsenz – Kontemplation als Gabe, Praxis und Lebensform, Würzburg 2019, S. 17

[5] https://www.erzdioezese-wien.at/site/glaubenfeiern/spirituelles/beten/article/77964.html&ts=1751457801233 ; zuletzt abgerufen am 2.7. 2025

[6] Peter Köster, Geistliche Begleitung, Sankt Ottilien 2018 4. Auflage; S. 48-49

[7] Peter Lincoln, Wie der Glaube zum Körper findet – Focusing als spiritueller Übungsweg, neukirchener aussaat 2011

[8] https://www.bistum-stgallen.ch/fileadmin/kundendaten/Aktuelles/News/News_2019/Tag_des_geweihten_Lebens_in_St._Gallen_2019_Erstes_Referat_Annette_Schleinzer.pdf  ; abgerufen am 15.07. 2025

[9] S. Fußnote 8

[10] S. Fußnote 8

[11] Tomáš  Halík, in Herder Korrespondenz 2/2013, S. 69ff.

[12] Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 20. Auflage 2025; vgl auch das Buch seiner langjährigen Mitarbeiterin in Gries: Karin Seethaler, Der Weg der Kontemplation – einfach, aber nicht immer leicht, Würzburg 2021

[13] Bertram Dickerhoff, Innehalten an Grenzen – Grenzen überwinden, Würzburg 2024

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