Gott einen Ort sichern – dieses berühmte Wort von Madeleine Delbrêl leitet ihr Leben, ist aber auch ein Motto der geistlichen Begleitung und vieler weiterer seelsorglicher Gespräche: Ein Ort offen halten, an dem die Gottsuche ausgesprochen und vertieft werden kann.
Madeleine Delbrêl – Mitten im Leben. Inspirierende Impulse einer außergewöhnlichen Frau für die Geistliche Begleitung
Text: Andrea Gersch – Photo: Maky_Orel/pixabay.com
Madeleine Delbrêl steht im Mittelpunkt dieser Arbeit als eine Person, für die die Gottesbeziehung zentral war und die sie immer wieder in verschiedenen Lebenslagen über Jahrzehnte hinweg intensiv betrachtet und durchdacht hat. Die von ihr hinterlassenen Spuren eröffnen ungewohnte Perspektiven, weil sie als Konvertitin in einer mindestens säkularen, sogar überwiegend Religion ablehnenden Umgebung in dem kommunistischen Außenbezirk Ivry am Rande von Paris unbeirrt ihre Glaubensüberzeugung gelebt hat.
Ihre schriftlichen Aufzeichnungen sind voll von Anregungen, die ein Hauptaugenmerk der Geistlichen Begleitung betreffen – die Gottesbeziehung und das Beten. Hier liegt zunächst der Fokus der Ausführungen. In den Punkten 2 bis 4 folgen weitere wesentliche Elemente wie die Bedeutung der Bibel, die Unterscheidung der Geister sowie die Bezüge zur Kirche. Alle genannten Punkte können aufzeigen, wie die Begleitgespräch in der Geistlichen Begleitung durch Madeleine Delbrêl inspiriert werden können.
Weitere Bereiche ihres Lebens und ihrer Arbeit, die wenig oder keine Berührungspunkte mit der Geistlichen Begleitung haben, werden hingegen weitgehend außer Acht gelassen. Gleichwohl erscheint es sinnvoll, hier und da einige Aspekte ihres Lebens zu benennen, die für die Einordnung und das Verstehen hilfreich sein können. Daneben werden auch weitere Autorinnen und Autoren einbezogen, die in meinen Augen wertvolle Hinweise zu dem jeweiligen inhaltlichen Aspekt geben.
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1. Ziele der Geistlichen Begleitung
Zunächst sollen die zwei benannten Elemente, denen sich die Geistliche Begleitung widmet, näher beschrieben und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden. Das Ziel jeder Geistlichen Begleitung ist es, eine lebendige Gottesbeziehung zu fördern. Dies geht einher damit, dass Menschen sich betend an Gott wenden und sich ihm anvertrauen können. Beten ist also ein wesentliches Element auf dem Weg zu einer Beziehung zwischen Mensch und Gott. Beides ist miteinander verschränkt; das eine kann es nicht ohne das andere geben. Beides ist Teil des übergeordneten Ziels der Geistlichen Begleitung, die stützende, fördernde, ermutigende, helfende, mitgehende und mithörende Begleitung auf dem Weg zur je eigenen Berufung. Menschen können nach und nach in der Vertrautheit mit Gott wachsen und sich – aus der Erfahrung des Betens und ihrer Gottesbeziehung – zunehmend auf die Konsequenzen für ihr Leben einlassen. Selbstredend sind die geistlichen Begleiterinnen und Begleiter in einem solchen Prozess nur diejenigen, die dafür gute Rahmenbedingungen zu schaffen versuchen. Alles andere bleibt der Initiative Gottes und der begleiteten Person überlassen.
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1.1 Zugänge zum Beten
Meine Erfahrung ist bisher, dass Menschen mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen hinsichtlich ihrer Erfahrungen zu einer Gottesbeziehung und zum Beten das Angebot der Geistlichen Begleitung wahrnehmen. Daher ist eine Bandbreite an möglichen Bildern und Zugängen zum Gebet in Anlehnung an die genannten Beispiele wichtig, um Menschen möglichst passgenaue Formulierungen anbieten zu können.
Für Menschen mit wenig Gebetserfahrung erscheinen mir folgende Beschreibungen niedrigschwellig und geerdet: „Beten heißt, sein Herz vor Gott ausschütten.“ Oder: „Dasein mit dem Herzen, das sich und sein Innerstes zeigen will und offenbart“ (Lambert 2005, S. 10).
Sehr einladend empfinde ich zudem die Formulierung von Teresa von Avila: „Meiner Ansicht nach ist das innere Gebet nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt“ (ebd. S. 12).
Annette Schleinzer arbeitet wesentliche Worte von Madeleine Delbrêl zum Beten heraus: „Wirklich zu beten ist etwas anderes, als sich über einem Buch auszuruhen oder vage an Gott zu denken. (…) Für Gott vollkommen präsent zu sein, restlos für ihn empfänglich: das hat mit Ausruhen nichts zu tun. Mit unserem ganzen Sein all das zu erbitten, was wir brauchen, für uns selbst, für die Kirche und die gesamte Welt: (…) das ist sicher kein Müßiggang“ (Schleinzer 2005, S. 210 f.).
Martha Zechmeister nimmt diesen Gedanken auf, führt ihn jedoch noch weiter: „Es ist ganz Gnade, ganz Geschenk, und will doch geübt und erkämpft werden. Beten lernen bedeutet fühlen lernen, sensibel, berührbar, damit aber auch verletzlich zu werden“ (Zechmeister 2005, S. 170). Mir erscheint wichtig, dass sie davon spricht, dass Beten gelernt werden muss und dass damit eine Veränderung der Wahrnehmung, ja sogar der Person im Sinne einer höheren ‚Durchlässigkeit‘ einher geht. Hilfreich empfinde ich in diesem Kontext, dass der Autor der „Wolke des Nichtwissens“ vor krampfhaftem Üben warnt und zu einer gewissen Gelassenheit sowie einem Raum für Spontaneität rät (vgl. Köster 2018, S. 149).
Förderlich dürfte vielmehr eine grundsätzliche Wachheit sein, die von Offenheit für Gottes Gegenwart geprägt ist. So beschreibt Madeleine Delbrêl es als wichtig, dass wir in jeglicher Alltagssituation kurze Momente identifizieren, um uns Gott zuzuwenden und so „eine Haltung einzuüben, die immer und überall mit Gott rechnet und ihn aufzuspüren versteht“ (Schleinzer 2005, S. 212).
In Anlehnung an Ignatius formuliert Martha Zechmeister diese Haltung: „Gott suchen und finden in allen Dingen. Alle Wirklichkeit ist Gottes voll“ (Zechmeister 2005, S. 170). Noch eindrücklichere Worte findet Alfred Delp, der in seiner Zelle knapp drei Monate vor seiner Hinrichtung auf einem Kassiber schreibt: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen …“ (17.11.1944).
Überdies findet sich bei Madeleine Delbrêl auch die immer wieder bekräftigte Erkenntnis, „Gebet und Tat in einem untrennbaren Zusammenhang zu sehen“ (Schleinzer 2005, S. 212).
Dass Beten und Handeln zusammen gehören, bringt Melanie Wolfers ebenfalls sehr klar zum Ausdruck: „In gegenwärtigen spirituellen Strömungen gleicht der Rückzug in die Innerlichkeit teilweise einer Flucht“ (Wolfers 2005, S. 203). Christliches Beten hingegen bleibt „nicht in der Innerlichkeit eines privaten tête-à-tête von Gott und Seele, sondern es wendet die Betenden hin zur Welt. Es fordert heraus, sich selbst zu riskieren und für Gottes Ja zu jedem Menschen einzustehen. (…) Es steht also nicht in Konkurrenz zum Tun, sondern es befreit zu ihm“ (ebd.).
Als sehr bestärkend empfinde ich Madeleine Delbrêls Aussage: „… das Gebet rückt alles an seinen richtigen Platz. Der betende Mensch kommt dahin, Gott wirklich Gott sein zu lassen – und er lässt es deshalb geschehen, dass dieser Gott sich seiner bedient, um in dieser Welt anwesend und wirksam zu sein“ (Schleinzer 2005, S. 218).
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1.2 Zeit zum Beten
Der Faktor, der für die meisten Menschen entscheidend ist, wenn es um ihr persönliches Beten geht, ist die Zeit, die dafür eingeräumt werden muss. Auch wenn mitunter postuliert wird, dass der Mensch von heute definitiv keine Zeit mehr hat für das Gebet (Pesch 2013, S. 93), ist das nichts Neuzeitliches und galt aus meiner Sicht gleichermaßen für Menschen in früheren Zeiten, die ebenfalls anstrengende und volle Tage hatten. Das bedeutet nicht, dass es nicht eine immerwährende Herausforderung bliebe, Zeiten zum Beten fest einzuplanen. Nach meiner Beobachtung ist das abendliche Gebet der liebenden Aufmerksamkeit für die allermeisten leichter regelmäßig umsetzbar als eine morgendliche fest verankerte Gebetszeit. Es bahnt aus einer Haltung der Dankbarkeit den Weg für ein Loslassen und Überlassen des Tages an Gott. Das ist in meinen Augen sehr heilsam und ermöglicht, sich aus den scheinbar unverrückbaren Mechanismen und Zwängen des Alltags zu lösen. Dennoch ist eine feste Gebetszeit am Morgen zweifellos wie ein Anker für den Tag, an dem jede und jeder sich den gesamten Tag über immer wieder andocken kann. Daher halte ich es mit Madeleine Delbrêl, die zu folgenden Gedanken anregt:
„Mit Klarsicht wird man sich überlegen müssen, ob fünf Minuten früher aufzustehen, um den Tag mit Gott zu beginnen – wie verblödet, schlaftrunken, denkunfähig wir dann auch sein mögen –, unserer Gesundheit ernstlich schadet. (…) Ob jene eilende geistige Arbeit wirklich leidet, wenn wir ihr fünf Minuten entziehen, bevor wir uns dransetzen. Ob die Dringlichkeit des Besens oder der Waschmaschine ein paar Momente des Wartens verträgt, um uns ein Gebet zu gestatten“ (zitiert nach Boehme 2014, S. 60).
Unbeschadet dessen erscheint es mir wie Madeleine Delbrêl gleichermaßen sinnvoll das Gebet mitten im Leben zu verorten, ohne sich aus der Welt, aus dem Vielerlei des Lebens zurückzuziehen.
Ihre Haltung zum Gebet – zwischen Freiheit und Notwendigkeit angesiedelt – beinhaltet eine Abkehr von festen Zeiten, neue, von Weite geprägte Perspektiven, die bis ins Hier und Jetzt geltende, tragfähige und alltagstaugliche Formen vereinen. Sie geht höchst realistisch von einem Leben aus, das „randvoll ist mit Arbeit, mit Begegnungen, mit Gespräch“ (Schleinzer 2019, S. 133); sie sieht die „Bedingungen, der [die] meisten ihrer Mitmenschen unterworfen [sind]: viele haben wenig Raum, und viele haben wenig freie Zeit‘“ (ebd. S. 136).
Zwei Bilder prägen ihre Anregungen für das Gebet in der Alltagsrealität der Menschen. Das erste beschreibt sie mit dem Wort ‚Tiefenbohrung‘: „Um eine Öl-Schicht zu erreichen, spielt die Ausdehnung keinerlei Rolle. (…) Man bohrt senkrechte Schächte, deren Öffnung lächerlich eng ist, dringt aber so tief hinunter wie nötig, um die Öl-Schicht zu erreichen. Heutzutage ist (…) das Gebet nur durch Bohrungen möglich, wobei Intensität die Dauer ersetzt“ (zitiert nach Schleinzer 2019., S. 136 f.). Das zweite Bild schildert sie wie folgt: „In das beschäftigste, umhergeworfenste Leben dringen doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein. Sieht man sie – man sieht sie nicht immer – dann müsste man daran denken, sie zusammenzulegen und dadurch ein Stück verwertbare Zeit zu gewinnen. Wenn wir behaupten, beten sei unmöglich, dann müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn, so wie er ist, verwerten“ (ebd.).
Der Schlüsselsatz für das Thema ‚Zeit zum Beten‘ ist m.E. folgender von Madeleine Delbrêl: „Also werden wir die Zeit zum Gebet … nur finden, wenn wir sie als notwendig betrachten“ (ebd.).
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1.3 Vertiefende Einsichten zum Beten
Angesichts unseres unwillkürlichen Verhaftetseins im Menschlichen und dem damit einher gehenden menschlichen Blick auf Gott erscheint es heilsam, sich die Unverfügbarkeit Gottes bewusst zu machen. Insbesondere für ein Beten, das nicht erwachsen geworden ist, zu dem möglicherweise nach wie vor ein Do-ut-des-Verständnis gehört, dürfte eine Rahmung im genannten Sinn in Begleitgesprächen hilfreich sein. Darauf macht auch Madeleine Delbrêl aufmerksam: Gott „kann nicht in unserem Koordinatensystem gefunden werden, sondern entzieht sich aller Kategorisierung“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 67). Er bleibt größer, bisweilen unverständlich, immer wieder neu, unverhofft, anders, überraschend, unverfügbar, unermesslich und doch ist da gleichzeitig der Gegenpol – seine Nähe, das sich ganz und gar Anvertrauendürfen, seine Verheißung einer Fülle des Lebens.
In diesen Kontext gehört auch, das Gefühl der Einsamkeit als immanenten Bestandteil der Gottesbeziehung wahrzunehmen. Madeleine Delbrêl verweist dabei auf eine positive Seite der Einsamkeit: „Es gibt die vielen kleinen Momente im Alltag, in denen man allein ist, ‚während die Suppe aufkocht, während wir beim Telefon auf den freien Anschluss warten, während wir an einer Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten, der nicht kommt, während wir eine Treppe hinaufsteigen, während wir im Garten ein paar Blätter Kerbel für den Salat holen‘ “ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 68). Für sie sind es Momente, in denen Raum für Gott ist und die es wahrzunehmen gilt. Dass dies ein keineswegs leichtes Unterfangen ist, lässt ein poetischer Text von ihr erahnen:
„Die Wüsten muss man sich erringen,
sie werden einem nicht geschenkt …
Das ist schwierig, aber wesentlich für unsere Liebe …
Denn wir sind so gebaut,
dass wir dich anderem nicht vorziehen können
ohne einen kleinen Kampf
und dass wir dich,
unseren Viel-Geliebten,
immer aufwiegen müssen
gegen all die Bagatellen,
die uns faszinieren und von denen wir besessen sind.“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 70)
Auch in ‚Trockenzeiten‘ des Gebets ist Jesus Christus präsent und wirkt in jedem Menschen, „ob es ihm oder ihr bewusst ist oder nicht“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 71). Seine liebende Gegenwart „kommt immer dort zum Tragen, wo Menschen ihrer Liebe durch die Sorge für andere Ausdruck geben, (…) in allen guten und kritischen Dimensionen von Verantwortung, im Vertrauen, selbst in der Dunkelheit‘‘ (ebd.). Dies in einem Begleitgespräch ins Wort zu bringen, mag vor allem für Menschen, die sich Gott fern fühlen, eine Spur der Hoffnung sein.
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1.4 Voraussetzungen für geistliche Begleiterinnen und Begleiter
Auch für die geistlichen Begleiterinnen und Begleiter selbst geht es darum, einen vitalen Austausch mit Gott zu pflegen. Ohne die betende „Begegnung mit dem Wort Gottes, des aufrichtigen Gesprächs mit dem Herrn verlieren die Aufgaben leicht ihren Sinn“, so formuliert es Papst Franziskus (EG 262), während Madeleine Delbrêl ein anschauliches Bild dafür findet: „Wie der elektrische Strom den Leitungen folgt, so läuft das Beten den Abschnitten unserer Tage entlang; es belebt ihre aktiven Zeiten, es füllt ihre Leerräume. Es lebt da, wo wir sind, es ist in den Werkstätten, wo wir arbeiten, am Tisch, an dem wir schreiben, in unseren Häusern, in unseren Straßen. Es lauscht mit uns, es spricht mit uns, es schenkt, es tröstet, umsorgt, beruhigt. Es ist frei aus der Freiheit Gottes“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 89). Ihre Worte wirken auf mich sehr pragmatisch, geerdet und mitten im Leben angesiedelt, dazu nicht einengend, sondern Freiheit atmend.
Eine weitere wesentliche Voraussetzung für die geistlichen Begleiterinnen und Begleiter ist die Ausbildung einer Haltung, die nach Ignatius Offenheit und Indifferenz verkörpern muss. Madeleine Delbrêls Sein in der Welt ist ebenfalls gekennzeichnet durch ein offenes und weites Herz, um jeden Menschen anzunehmen, dem sie begegnet und für den sie verfügbar sein will. Ihre Haltung nennt sie „Realismus des Glaubens“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 22), der weder Optimismus noch Pessimismus meint, jedoch eine unerschütterliche Hoffnung beinhaltet (vgl. ebd.). Hieraus spricht für mich eine gesunde Distanz, die gleichwohl Zuversicht ausstrahlt. Ihre Formulierung mutet wie eine Ausdifferenzierung von Ignatius‘ Worten an. Mit Blick auf meine bisher geführten Begleitgespräche erscheint mir dies anspruchsvoll, jedoch unbedingt erstrebenswert, weil sie der begleiteten Person ein hohes Maß an eigener Entwicklung (fast) ohne äußeren Einfluss ermöglicht und gleichzeitig ein trostvoller Grundton spürbar wird, der tragen kann. An dieser Stelle sei noch gesagt, dass in meinen Augen die Gespräche, die Madeleine Delbrêl mit den Menschen in Ivry führte, zwar von ihr nicht als Geistliche Begleitung bezeichnet wurden, jedoch sicherlich ähnlich einzuordnen sein dürften.
Daneben erscheint mir geradezu als Idealbild einer Haltung von geistlichen Begleiterinnen und Begleitern Madeleine Delbrêls Verständnis des Wortes Güte, auf das sie in Ansprachen von Papst Johannes XXIII. aufmerksam wurde und von dem sie sich in besonderer Weise treffen ließ. Es bedeutet für sie „die Verwirklichung einer wahrhaft machtlosen Güte, die zur Intuition des Herzens wird und jeden Menschen in seinem Eigenwert antrifft, ihn als Person bestätigt und freisetzt“ (Schleinzer 2019, S. 222). Etwas schlichter gefasst wäre m.E. eine Haltung der wahrhaftigen, herzensweiten Zugewandtheit erstrebenswert, die das Gegenüber frei sein und den eigenen Weg mit Gott finden lässt.
Fachlich braucht es als begleitende Person die Fähigkeit, Gehörtes sprachlich zutreffend und verständlich fassen zu können, daneben Versprachlichungen von ungeübten Inhalten als Sprachmuster anzubieten. Ebenfalls gehört dazu, Deutungen von Äußerungen begleiteter Personen ins Wort zu bringen sowie Verknüpfungen von verschiedenen Aspekten des Gesprächs herzustellen, um Gesprächsinhalte zu klären oder zu fokussieren und neue Perspektiven im Charakter eines Angebots zu formulieren, die die begleitete Person annehmen oder ablehnen kann.
Für viele begleitete Personen ist es schwierig, über ihren Glauben zu sprechen. Sie haben das Gefühl, dass ihnen die Worte fehlen, auch weil das Thema Glaube weitgehend im privaten Raum verortet ist. „Solche Vorbehalte und Hürden zu überwinden, gehört für Madeleine aber zur Basis-Aufgabe“ (Schleinzer 2023, S. 103). „Die Wörter, die in einem bestimmten Milieu verwendet werden, der Sinn, den sie dort haben, enthüllen, aus welchen Wirklichkeiten oder Ersatz-Wirklichkeiten dieses Milieu lebt. Eine solche Kenntnis der Sprache ist nichts Abstraktes. Sie ist nur möglich, wenn das Leben dieses Milieus unser Fühlen und Denken wirklich beeinflusst hat, sodass wir wahrnehmen und geradezu kosten können …“ (ebd. S. 111). Geistliche Begleiterinnen und Begleiter müssen es sich folglich zur Aufgabe machen, die Sprache der begleiteten Person zu entschlüsseln, das Sprechen über den Glauben einzuüben, es natürlicher und selbstverständlicher werden zu lassen.
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2. Der Gott der Bibel für die Menschen – Gottes Stimme inspiriert, wandelt, vertieft
Wie beim Aufbau und der Weiterentwicklung menschlicher Beziehungen möchten Menschen, die sich mit Gott vertraut machen wollen, etwas über ihn wissen, erfahren, was ihm wichtig ist, hören, wie er in den verschiedenen Lebenssituationen handelt, in welcher Weise er sich an andere Menschen wendet, wie er mit ihnen umgeht und welche Worte sein Tun begleiten. Auf Gott, auf Jesus Christus hin ist die Bibel der Schlüssel, um sich der christlichen Botschaft anzunähern, sich im Lesen und Nachspüren unmittelbar von ihm ansprechen zu lassen und sie als wahr in sich aufnehmen zu können.
Wie für Ignatius von Loyola ist auch für Madeleine Delbrêl die Bibel „wie eine Begegnung, die Christus jedem und jeder von uns schenkt“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 79). Für sie und ihren langjährigen geistlichen Begleiter, Abbé Lorenzo, ist das Evangelium der Kern ihres geistlichen Lebens: „Wenn wir zusammenkommen, um das Evangelium miteinander zu lesen, tun wir es nicht, um es zu studieren, sondern um dort Zuflucht zu finden. Betend, suchend und aufmerksam hörend versammeln wir uns um die Person Jesu, um das, was er gesagt hat, um das, was er getan hat. Wir bringen unser Leben mit ihm in Kontakt, so, wie es ist – damit er es immer mehr zu dem werden lässt, was es sein soll“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 85). Hier geht es augenscheinlich ausdrücklich um ein achtsames, waches Wahrnehmen der persönlichen Ansprache Gottes an uns Menschen, die verwandeln und befreien will. In ihren Ausführungen zum Evangelium weist sie noch ein wenig darüber hinaus: „Helfen wird es uns nur, wenn wir das Wort in der Herzwärme unseres Glaubens und unseres Hoffens tragen (…). Dann wird zwischen ihm und unserem Willen eine Art Lebensbündnis entstehen“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 91). Damit spricht sie in meinen Augen aus, was sich in einem intensiven geistlichen (Begleit-)Prozess als Grundhaltung und Selbstverständnis in der Gottesbeziehung etablieren kann, selbstredend ohne jemals abgeschlossen zu sein, sondern vielmehr stetig – angetrieben durch die innere Sehnsucht – nach einer Weiterentwicklung zu streben.
Madeleine Delbrêl geht es nie allein um die geistliche Dimension, sondern um das Evangelium als Grundlage ihres Handelns und ihres sozialen Engagements; für sie ist es „wie ein Sauerteig, der den Teig eines auch noch so alltäglichen Lebens angreift, um es in ein neues Leben zu heben“ (zitiert nach Boehme 2014, S. 41).
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der zeitliche Kontext, in dem Madeleine Delbrêl es für selbstverständlich hielt, dass alle Menschen die Bibel lesen sollten. In ihrer Lebenszeit (1904 – 1964) war dies eine bahnbrechende Veränderung. Schließlich war das Lesen der Bibel für katholische Christen seit der Reformation bis kurz vor dem II. Vatikanischen Konzil hinein unerwünscht. Hier zeigt sich nur ein Aspekt, an dem ihre innere Stärke zutage tritt, indem sie völlig unabhängig von Konventionen und Vorgaben das vertritt, was sie für richtig hält, weil sie es als förderlich und befreiend erfahren hat.
An diesem Punkt ergibt sich eine Verbindung zur Geistlichen Begleitung, für die das Lesen der Bibel als Weg zum Kennenlernen dieses Gottes unverzichtbar ist. Geistlichen Begleiterinnen und Begleitern wird eine biblische Erschließungskompetenz zugetraut, die Erfahrungen der begleiteten Person aufgreift oder weiterführen kann, um ihr in der gebotenen Zurückhaltung Identifikationsmöglichkeiten anzubieten.
Grundsatz bleibt bei alledem: Gottes Geist weht, wo er will … Das ist die tiefe Überzeugung von Madeleine Delbrêl. Auch Ignatius hat entgegen den sehr klerikal geprägten Gepflogenheiten seiner Zeit jeden Menschen als fähig angesehen, eine persönliche Gottesbeziehung zu entwickeln. Madeleine Delbrêl nennt ausdrücklich Ignatius als einen Heiligen, der ihr Vorbild ist, weil er sich „im Dienst der Liebe Gottes zu jedem Menschen und zu allen Menschen“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 207) hinwendet.
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3. Unterscheidung der Geister – Gottes Stimme im Vielerlei ausfindig machen
Vielen Menschen geht es so, dass sie es nicht gewohnt sind, in sich hinein zu hören und wahrzunehmen, welche tiefer liegenden Gefühle sie haben. Zudem dürften die allermeisten dies angesichts der – insbesondere visuellen – Reizüberflutung, die die Aufmerksamkeit in hohem Maße bindet, als sehr anstrengend erleben, sich auf ihr Inneres zu konzentrieren, um innere Regungen als mögliches Unterscheidungsmerkmal überhaupt wahrnehmen zu können. Das braucht es jedoch, denn „Unterscheidung bedeutet, dass wir uns von dem inspirieren lassen, was wir auf der Ebene unserer tiefsten Gefühle erfahren“ (Sintobin 2023, S. 17).
Angesichts dieses Befundes leuchtet umso mehr ein, wie Nikolaas Sintobin vor dem Hintergrund der einseitig kognitiven Ausrichtung unserer Gesellschaft diese Ausgangslage einordnet: So wie es uns normal erscheine, dass der Verstand viele Jahre lang „geformt“ werde, so müsse es auch mit unserem Gefühlsleben geschehen. In einer intensiven Gottesbeziehung, wenn Menschen sich durch Gebet, biblische Betrachtung auf Jesus ausrichteten, könnten sie darauf vertrauen, dass ihre tiefen Gefühle in Verbindung mit Gott oder aus Gott heraus erwüchsen. Gleichwohl bleibe es unverzichtbar, dass der Verstand dem Herzen alle verfügbaren Informationen beisteuere, um gut unterscheiden zu können (vgl. ebd. S. 18). Entsprechend ziehe die ignatianische Unterscheidung immer das Herz, den Verstand und den Willen in genau dieser Reihenfolge mit ein. „Der Wille kann nur dann seinen vollen Beitrag leisten, wenn er sich in den Dienst der Wünsche stellt, die der Verstand im Herzen erkannt hat“ (ebd. S. 63).
Was sind nun die Geister, die Ignatius meint? Es sind beispielsweise tief innen wahrnehmbare Impulse oder Gefühle, ein biblisches Wort, das eine ganz besondere Ausstrahlung auf mich hat, unerwartete Wahrnehmungen in meinem Innern oder Alltag. Diese können durchaus sehr geerdet und pragmatisch sein, gut verständlich, also mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen zu entschlüsseln. Es könnte auch eine Begegnung, eine Naturerfahrung, ein Kunstwerk sein – kurzum etwas, das mich in besonderer Weise ‚trifft‘. Daneben kann es jedoch etwas sein, das mich versucht, außer Kraft zu setzen, das destruktiv ist, mit Gleichgültigkeit einher geht oder meinen Antrieb und meine Motivation (zer)stört.
Zur Vergewisserung am Ende einer Unterscheidung können vier Dimensionen helfen: die innere Bestätigung, eine äußere Bestätigung, das Feststellen, ob sich Früchte der Unterscheidung zeigen und die Gewährung von Zeit zum Nachfühlen (vgl. ebd. S. 40-45).
Ignatius selbst formuliert die Phase nach einem Prozess der Unterscheidung so: „Schließlich nenne ich Trost jeglichen Zuwachs an Hoffnung, Glaube und Liebe und jede innere Freude, die zu den himmlischen Dingen und zu eigenem Seelenheil aufruft und hinzieht, indem sie der Seele Ruhe und Frieden in ihrem Schöpfer und Herrn spendet“ (zitiert nach Plattig 2008, S. 59).
Für Madeleine Delbrêl ist das Instrument zur Unterscheidung der Geister das Doppelgebot der Liebe. Es ist für sie der Maßstab, der Gutes und Böses unterscheidet. Angesichts des Kommunismus, der ihren Lebensalltag prägt, ist ihr besonders deutlich vor Augen getreten, dass die von den Kommunisten gelebte Menschenliebe, die ausdrücklich die Gottesliebe ausschließt, nicht zum Guten gereicht, vielmehr im Kontext des Kommunismus zum Hass auffordert (Schleinzer 2023, S. 145 f.). „Die großen Selbsterlösungsprojekte des 19. und 20. Jahrhunderts – Kommunismus und Faschismus – haben stets zerstörerische Auswirkungen von ungeahnten Ausmaßen gehabt“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 149). Madeleine Delbrêl macht darauf aufmerksam, dass das Böse in der Welt ist und dort wirksam sein will, so z.B. im Namen religiöser Fundamentalisten. In Gottes stärkere Lebenskraft „will Jesus Christus uns hineinnehmen – jeden Tag neu“ (Schleinzer 2023, S. 155). „Wer sich in Jesus Christus festmacht, kommt mit einer Quelle von Kraft in Kontakt, die von der Angst um sich selbst befreien kann …“ (ebd. S. 156) – dies ist die von ihr propagierte Richtschnur einer Unterscheidung der Geister.
Madeleine Delbrêl hält also wie Ignatius eine Unterscheidung der Geister für unentbehrlich. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie durch ihre engen Kontakte zu den Kommunisten in ihrer direkten Umgebung die Kehrseite von deren Engagement für die Armen unmittelbar erlebt hat und dieses zerstörerische Potential klar als dem guten Geist Gottes zuwider laufend benannt hat. Daher lag ihr Fokus auf den „zwei untrennbaren und einander gleichen Gebote Christi [Gottes- und Nächstenliebe], von denen das zweite nur deshalb so groß ist, weil es die Konsequenz aus dem ersten ist“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 198). Die Unterscheidung der Geister wurde allerdings von Ignatius sehr viel differenzierter ausgeführt, so dass Menschen angeregt werden, die Vielfalt ihrer inneren Empfindungen zu erkennen und in ihrer Wahrnehmung zu wachsen.
Hier liegt zweifellos ein Schwerpunkt der Geistlichen Begleitung, wenn Menschen mit sich selbst kaum in Kontakt zu sein scheinen. Geistliche Begleitung kann dann eine Art Schule des Herzens sein, die der Sehnsucht und Suche nach Gott auf der emotionalen Spur nachgeht, damit die begleiteten Personen ihre inneren Regungen wahrnehmen lernen.
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4. Gemeinschaft der Kirche und Geistliche Begleitung
Für Ignatius wie für Madeleine Delbrêl stellt sich die Frage nicht, ob das eine von dem anderen getrennt vorstellbar ist. Allerdings sieht Madeleine Delbrêl bereits vor dem II. Vatikanischen Konzil, dass es nicht – wie heute leider mancherorts immer noch propagiert – um die Quantität der Menschen in der Kirche geht sondern um die Qualität ihrer Gottesbeziehung. Es ist nicht die formale Pflichterfüllung, die Kirche ausmacht, sondern vielmehr die Gemeinschaft derjenigen, denen ihre Gottesbeziehung am Herzen liegt und die im Raum von Kirche und Gemeinde leben möchten. An diesem Punkt ist Madeleine Delbrêl höchst aktuell, weil sie „das Kriterium eines christlichen Lebens nicht an der Einhaltung von bestimmten Verhaltensregeln, sondern an der Wahrhaftigkeit der persönlichen Gottesbeziehung misst“ (Boehme 2014, S. 101). Denn von vielen Menschen werden die Regeln der Kirche als einengend, nachrangig oder überholt und folglich als nicht relevant für ein Leben aus dem Glauben angesehen. Diese Haltung mag Madeleine Delbrêl in den Augen der Gottsucher von heute als besonders glaubhaft und überzeugend erscheinen lassen.
Hier ist nach meiner persönlichen Überzeugung Geistliche Begleitung gefordert, eingeschliffene, überkommene Vorstellungen, die Menschen (auch solche, die lange nach dem II. Vatikanischen Konzil geboren sind) bedrücken oder unfrei machen, in einen neuen Rahmen zu stellen anhand der biblischen Überlieferung und der Suche nach einem Weg hin zu mehr Freiheit.
Daneben gibt es auch die Menschen, die sich noch zur kirchlichen Gemeinschaft zugehörig fühlen, jedoch ihre Gottesbeziehung unmerklich verloren haben, durch Gewohnheiten, Lebensweisen o.ä., auf die Madeleine Delbrêl bereits zu ihrer Zeit aufmerksam macht. Ihre Beschreibung passt gleichermaßen in das Hier und Jetzt:
„Es sind ‚Milieus entstanden, in denen Christen nur unter sich leben. In diesen – regionalen, familiären, beruflichen und freundschaftlichen Milieus hat das christliche Leben im Lauf der Zeit eine bestimmte Gestalt angenommen und eine bestimmte Mentalität ausgeprägt. Meist waren dies lebendige Ausdrucksformen des Glaubens. Doch Schritt für Schritt sind daraus veraltete, überholte, um nicht zu sagen: anachronistische Formen geworden‘. ‚Dann hängt man sich an besondere Moralvorstellungen, bekennt sich zu politischen Optionen und nimmt einen bestimmten Lebensstil an, was an sich ja ganz indifferente Gewohnheiten sind; all das betrachtet man aber als Verpflichtungen des christlichen Lebens, all das verwechselt man mit dem Glaubensleben. … Die Glaubenserziehung wird nun vor allem eine Erziehung zum Kult, zu den Sakramenten, zu einer praktischen kirchlichen Disziplin. Und diese Bereiche sind dann nur noch unzureichend mit den ursprünglichen Säften des Glaubens an Gott getränkt. Alles nimmt Format und Wert des Menschlichen an‘“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 62).
Geistliche Begleitung ist in dieser sehr zutreffend beschriebenen Situation der Christen unserer Zeit in meinen Augen ein passgenaues Angebot, das die persönliche Gottesbeziehung als ein wesentliches Element von Begleitgesprächen hervorhebt und somit einen Beitrag leisten kann zu einem Glauben, der mit dem eigenen Leben eng verbunden ist.
Wegweisend erscheint mir zudem Madeleine Delbrêls Realisierung einer immer stärker werdenden Individualisierung der (europäischen) Gesellschaft, aus der ihr Hinweis resultiert, „die künftige Selbstverwirklichung der Kirche nicht gegen die fortgeschrittene Individualisierung der Menschen, sondern mit ihr zu konzipieren und zu gestalten“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 252). Geistliche Begleitung greift diese Orientierung am Individuum auf und will es stärken und stützen auf dem Weg zu einer persönlichen Gottesbeziehung. So kann diese Beziehung zu Gott zu einem Dreh- und Angelpunkt für ein Leben (und Handeln) aus dem Glauben werden, das im Miteinander der Menschen Spuren hinterlässt. Hiermit dürfte eine tiefere Verwurzelung im Glauben einher gehen als bei manchen geistlichen, auf Evangelisierung ausgerichteten Großveranstaltungen. Die Qualität der dort gemachten Erfahrungen bemisst sich danach, ob sie sich im Alltag der Menschen, in ihrem Leben und Glauben bewähren und sich somit als eine tragfähige geistliche Erfahrung erweisen (vgl. Plattig 2008, S. 70 f.). Evangelisierung braucht einen (geschützten) Raum, in dem der Glaube sich nach und nach im Alltag verwurzeln kann.
Madeleine Delbrêl will den Menschen um sie herum einen Weg zur Verwurzelung im Glauben aufzeigen. Als eine Frau, die mitten in einer überzeugt säkularen Umgebung lebt, konzentriert sie sich daher auf das Wesentliche und macht sich von Traditionen unabhängig. Sie setzt auf das Evangelium und damit auf die Botschaft der Liebe Gottes. Über allen jahrhundertelang eingeschliffenen Regeln und Vorgaben steht für sie an erster Stelle, Gottes Liebe zu leben, indem sie die Menschen liebt. Folglich sind ihr die menschlichen Begegnungen wichtiger als alles andere, außer dem Lesen der Bibel, was sich offenbar an etlichen zerlesenen Exemplaren ablesen ließ, die sie immer mal einem Menschen schenkte, dem sie begegnete (vgl. Boehme 2014, S. 41).
Beides erscheint mir als eine ausdrückliche Bestätigung der Bedeutung von Geistlicher Begleitung, die sich Menschen auf der Suche widmet, unabhängig von ihrer Passung zu Traditionen und Normen der Kirche. Der Mensch, der kommt, ist das Wichtigste. Ihm in großer Offenheit und (Nächsten)Liebe zu begegnen in enger Verbindung mit einer Ausrichtung an der biblischen Botschaft, ist eine Voraussetzung für das Gelingen einer Geistlichen Begleitung. Dies schließt m.E. ein, dass Geistliche Begleitung ihren Raum innerhalb der Kirche wahrnimmt und gestaltet. Andernfalls erschiene mir beispielsweise die Bindung an die Bibel, die sich stets an die Gemeinschaft der Glaubenden rückbindet, nicht glaub-würdig.
Es lohnt sich m.E., Madeleine Delbrêls unmissverständliche Verortung in der Kirche näher zu betrachten, die aus Briefen und anderen Zeugnissen hervorgeht. Annette Schleinzer beschreibt ihre unbedingte Treue zur Kirche so: „Ihre Liebe zur Kirche ist ein unauflösbares Paradox von Bindung und Freiheit, in dem sie zu sich selbst und zu ihrem Auftrag findet“ (Schleinzer 2019, S. 199). Und gleichzeitig, so formuliert Annette Schleinzer an anderer Stelle, besteht „das Eigentliche ihres Weges (…) gerade darin, dass es als ursprünglicher Impuls des Heiligen Geistes die Unverfügbarkeit und Freiheit eines personalen Christusbezugs hervorhebt und nicht von vornherein in kirchenrechtliche und statushafte Kategorien hineinpasst“ (ebd. S.35).
Ihr von Madeleine Delbrêl selbst so benannte Antiklerikalismus (ebd. S. 199) steht für sie nicht im Widerspruch zur Gemeinschaft der Kirche – möglicherweise auch dadurch bedingt, dass sie ihre Konversion und Berufung genau dieser Gemeinschaft verdankt. Sie, die als Atheistin überwältigt wurde von ihrer Gotteserfahrung, weiß um Gottes Wirken außerhalb von kirchlichen Bezügen. Die übliche Unterscheidung zwischen Klerikern und Laien war für sie schon zu ihrer Zeit vor dem II. Vatikanischen Konzil keine Hürde, weil sie erfahren hatte, dass Gott die unmittelbare Begegnung mit allen Menschen möchte. Daher setzte Madeleine Delbrêl sich mit ihrer ganzen Energie dafür ein, dass ausnahmslos alle Menschen von Gottes Liebe umfangen und angesprochen sind, diese Liebe zu leben.
Madeleine Delbrêl versteht sich als Verbindungsglied zwischen Gott und den Menschen. Sie hat kein „missionarisches Ziel“, es geht ihr nicht um die Rekrutierung von Gemeindemitgliedern, sondern sie will Gottes Liebe sichtbar machen. „Denn sie ist davon überzeugt, dass diese Liebe in jedem Menschen gegenwärtig ist und darauf wartet, erkannt und freigesetzt zu werden. Gott tritt nicht erst in dein Leben ein, denn er ist immer schon dort. So zu tun, als sei er nicht da, hindert ihn nicht daran, da zu sein. In diesem Sinne kann es für sie keine gott-losen Menschen geben. Was es aber gibt: dass Gott im Herzen der Menschen – Christen wie Nichtchristen – ein Schattendasein führt …“ (Schleinzer 2023, S. 181).
Ihre Vorstellung, ein „Verbindungsglied“ zwischen Gott und den Menschen zu sein, entspricht dem Selbstverständnis der Geistlichen Begleitung. Und ihre Haltung, die jedem Menschen die Gottesgegenwart zuspricht, auch wenn diese verschüttet zu sein scheint, steht der Geistlichen Begleitung gut zu Gesicht.
Auch wenn Madeleine Delbrêl wenig von ihrer Gotteserfahrung gesprochen haben soll, so mag an dieser Stelle erwähnt werden, dass sie gegenüber einer Freundin ihre Bekehrung als eine „Erleuchtung“ (…) wie die Begegnung mit dem unfassbaren Licht Gottes“ (Boehme 2014, S. 22 f.) beschrieben haben soll.
…
5. Abschlussbemerkungen
Als Prophetin wurde Madeleine Delbrêl von der mit ihrem Leben sehr vertrauten Autorin Annette Schleinzer betitelt. In meinen Augen ist diese Zuschreibung sehr treffend. Das lässt sich an vielem, das bereits genannt wurde, gut ablesen. Insbesondere sehe ich sie als Vorreiterin darin, wie christliches Leben inmitten einer säkularen Umgebung gelebt werden kann. Ihre Situation in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gleicht der unsrigen, die zwar vielleicht einen größeren Radius hat, sich von den Herausforderungen her jedoch höchst ähnlich darstellt. Ihre Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit gewinnt Madeleine Delbrêl m.E., indem sie konsequent Glauben und Tun überein bringt. Sie selbst erklärt es so:
„Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, das, was wir tun, nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren. Wir finden, dass Gebet eine Aktion ist und die Aktion ein Gebet (…) Jede fügsame Tat lässt uns Gott in Fülle empfangen und in Fülle weitergeben, in einer großen Freiheit des Geistes … Was auch immer wir zu tun haben: einen Besen oder einen Stift halten; reden oder schweigen; etwas flicken oder einen Vortrag halten; einen Kranken pflegen oder auf einer Schreibmaschine schreiben – all das ist nur die Rinde einer herrlichen Wirklichkeit, die Begegnung der Seele mit Gott, die sich in jeder Minute erneuert …“ (zitiert nach Schleinzer 2023, S. 74).
Als prophetisch-wegweisend empfinde ich auch ihre Freude über ihr Leben aus dem Glauben, der nicht mit erdrückenden Pflichten einher geht, sondern eine lebensfrohe Präsenz in der Welt um sie herum sichtbar macht. Daraus spricht folgendes von Madeleine Delbrêl verfasste Gebet:
„Gib, dass wir unser Dasein leben
Nicht wie ein Schachspiel, bei dem alles berechnet ist,
Nicht wie einen Match, bei dem alles schwierig ist,
Nicht wie ein Zahlenproblem, bei dem man sich den Kopf zerbricht,
Sondern wie ein endloses Fest, bei dem man dir immer wieder begegnet,
Wie einen Ball, einen Tanz
In den Armen deiner Gnade,
Während Musik der Liebe uns allseits umfasst.
Herr, komm und lade uns ein.“ (zitiert nach Boehme 2014, S. 24)
Als Prophetin agiert sie, wenn sie innerhalb der Kirche immer wieder auf die gottgewollte Freiheit des Menschen verweist. Dies findet sogar Eingang in ihr Testament von 1958: „Ich möchte, dass Ihr wahrhaft frei seid“ (zitiert nach Schleinzer 2019, S. 225). Die Frage danach, was am ehesten zu einem Mehr an Freiheit führt – Gottes unbedingter Wunsch für uns Menschen –, ist m.E. eine Schlüsselfrage in Begleitgesprächen. Sie fördert ein Loslassen, ein Tieferspüren, ein sich selbst Nahekommen und impliziert oft einen neuen Blick, eine veränderte Perspektive in die Richtung, wie jede und jeder von Gott gemeint ist
Für mich ist Madeleine Delbrêl eine prophetische Impulsgeberin für die Aufgabe der geistlichen Begleiterinnen und Begleiter – insbesondere hinsichtlich des Betens, des Bibelverstehens und des Bezugs zur Kirche. Und zwar in einer Kirche, die laut Papst Franziskus die „unfassbare Freiheit des Wortes akzeptieren [muss], das auf seine Weise und in sehr verschiedenen Formen wirksam ist, die gewöhnlich unsere Prognosen übertreffen und unsere Schablonen sprengen“ (EG 22). In dieser Formulierung wird deutlich, dass es letztlich Gott selbst ist, der in und an uns Menschen wirkt, auf seine Weise zu uns spricht und somit weit über unsere Vorstellungen hinaus reicht.
Literaturverzeichnis
Boehme, Katja (2014): Madeleine Delbrêl. Die andere Heilige, Freiburg: Herder-Verlag
Köster, Peter (2018): Geistliche Begleitung. Eine Orientierung für die Praxis, (4. Aufl.), Sankt Ottilien: EOS-Verlag
Lambert, Willi/Wolfers, Melanie (Hg.) (2005): Dein Angesicht will ich suchen. Sinn und Gestalt christlichen Betens, Freiburg: Herder-Verlag
Lambert, Willi (2005): Gestalt und Geschichte christlichen Betens. In Lambert, Willi/Wolfers, Melanie (Hg.): Dein Angesicht will ich suchen. Sinn und Gestalt christlichen Betens, S. 9-22, Freiburg: Herder-Verlag
Plattig, Michael (2008): Prüft alles, behaltet das Gute!, (2. Aufl.), Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag
Schleinzer, Annette (2005): Madeleine Delbrêl: Beten „mit voller Lunge“. In Lambert, Willi/Wolfers, Melanie (Hg.): Dein Angesicht will ich suchen. Sinn und Gestalt christlichen Betens, S. 206-221, Freiburg: Herder-Verlag
Schleinzer, Annette (2019): Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe. Das Lebenszeugnis von Madeleine Delbrêl, Kevelaer: Verlagsgemeinschaft topos plus
Schleinzer, Annette (2023): Prophetin für eine erneuerte Kirche. Impulse für Realisten, (3. Aufl. als Neuausgabe), München: Verlag Neue Stadt
Sintobin, Nikolaas (2023): Lernen zu unterscheiden. Herz, Geist und Wille, Würzburg: Echter Verlag
Wolfers, Melanie (2005): Gott in der Welt zur Welt bringen oder: Kann man vom Hören Kinder kriegen?, In Lambert, Willi/Wolfers, Melanie (Hg.): Dein Angesicht will ich suchen. Sinn und Gestalt christlichen Betens, S. 191-206, Freiburg: Herder-Verlag
Zechmeister, Martha (2005): Klagend beten oder: „Dem Meer des sprachlosen Todes Land abgewinnen …“. In Lambert, Willi/Wolfers, Melanie (Hg.): Dein Angesicht will ich suchen. Sinn und Gestalt christlichen Betens, S. 165-175, Freiburg: Herder-Verlag