Mit dem Willen Gottes ist in der Kirche eine Menge Schindluder getrieben worden. Er wurde benutzt, um Menschen klein zu machen und um ihr Leiden weg zu spiritualisieren. Überhaupt galt Leid oft als Ausdruck des Willens Gottes. Angeblicher Beleg: Getsemani.

Wille Gottes in Getsemani

Text: Peter Hundertmark – Photo: JACLOU-DL/pixabay.com

Wir wissen, was Gott seit Anbeginn der Schöpfung will. Als Offenbarungsreligion finden wir Hinweise auf den Willen Gottes in den Überlieferungen der Heiligen Schrift und in den spirituellen Erfahrungen der Kirche(n). Dabei wissen wir um eine Entwicklung des Gottesglaubens Israels und um die Aufnahme dieses Glaubens durch Jesus. Als Christinnen und Christen sehen wir in Jesu Verkündigung und seinem Leben den Willen Gottes umgesetzt. Er offenbart für uns den Willen Gottes. Er tut dies zuerst in den „Ich bin…“- und in den „Ich bin gekommen…“ Sätzen, die die Evangelien uns überliefern. Da hören wir von Heilung und Heil, von Freiheit, von Versöhnung und Neuanfang, von Barmherzigkeit, von Leben und Leben in Fülle. Mit seiner Reich Gottes Verkündigung stellt sich Jesus damit ganz in die prophetische Tradition seines Volkes und nimmt in die frühere Selbstoffenbarung Gottes auf, der Frieden will, Frieden unter den Menschen und mit allen Geschöpfen, Gerechtigkeit und besondere Sorge für die Armen und Armgemachten.

In der Bergpredigt nimmt Jesus sodann auch die Traditionen der „Armen im Geiste“, der Anawim, auf und rückt deren Werte Sensibilität, Empathie und Compassion, Authentizität und Konsequenz, Gewaltlosigkeit und Reinheit des Herzens in die Mitte seiner Verkündigung und identifiziert sie zugleich mit dem Willen Gottes. Ein weiteres Element kommt in der Reflexion der ersten Christinnen und Christen auf Leben, Sterben und Auferstehen Jesu hinzu. Sie sehen, so beschreibt es Hymnus im Philipperbrief, sein Leben als ganz von Demut geprägt: „er entäußerte sich, war gehorsam…“ Die ersten Christinnen und Christen sind es auch, die die ganze Verkündigung Jesu in seinem Leben verwirklicht sehen. So gipfelt die Offenbarung des Willens Gottes durch Jesus in der Selbstaussage „Ich bin der Weg“. Jesus ist und lebt und offenbart den Willen Gottes. Durch ihn kennen wir den Willen Gottes und wir wissen, dass Gott treu ist, sich selbst, seinem Willen und uns.

Allerdings wissen wir nicht, wie Gottes Wille heute durch uns in Praxis gesetzt werden will. Wer das zu wissen behauptet, gar für andere zu wissen vorgibt, betrügt und manipuliert. Wir kennen den Willen Gottes – und sind für seine Konkretisierung dennoch notwendig und unumgehbar auf Gebet, Dialog, manchmal auch Wettstreit der Meinungen, Intuition und gegenseitige Korrektur, persönliche und gemeinschaftliche Unterscheidung der Geister angewiesen. Und selbst dann können wir in die Irre gehen. Es gibt keine Sicherheit – und doch ist ein geteiltes Gespür möglich, dass etwas mehr oder eben weniger in Resonanz mit dem Willen Gottes geschieht.

Prüffall Getsemani

Was aber ist der Wille des Vaters für Jesus in Getsemani? Jesus ringt eine ganze Nacht – im Wissen um die Gefahr von Verhaftung und Tod mit dem Willen Gottes. Seine existentiellen, „normalen“ Reaktionen und Bedürfnisse scheinen mit dem Willen Gottes in Widerstreit. Zumindest erzählen die Evangelien, dass Jesus einen großen Kampf kämpft, um das weiterzutragen, was das Zentrum seines Lebens ist: den Gehorsam gegen Gott. Was also will Gott für Jesus in diesem entscheidenden und dramatischen Moment?

Erster Schritt: Gott will etwas für ihn und nicht gegen ihn. Gott kann nicht gegen sich selbst handeln und wünschen. Damit ist die banale Deutung, die dennoch die Frömmigkeit seit dem Hochmittelalter untergründig durchzieht, sicher eine Fehldeutung: Gott will nicht, dass sein Gesalbter unter schrecklicher Folter stirbt! Gott will das Kreuz nicht! Er machte damit sonst seine eigene Offenbarung ungültig und würde sich selbst als Wolf im Schafspelz, als Monster hinter einer Fassade aus Licht, als Feind des Lebens und der Menschen offenbaren. Gott will auch nicht das Opfer seines Sohnes, um in seinem Zorn besänftigt zu werden, wie es zum Beispiel Anselm von Canterbury in die Passionserzählungen hineingeheimnist hat. Alle Erfahrungen und Überlieferungen über den Willen Gottes wären sonst hinfällig. Wir wären einem perversen Gott aufgesessen, der Liebe predigt und Tod will, der eben doch Opfer und nicht Barmherzigkeit will. Den Tod Jesu wollen seine Feinde im religiösen und staatlichen Establishment, nicht Gott. Gott will nicht den Tod seines Sohnes. Wie er keinen Tod eines Menschen, und sei er der größte Sünder, will.

Wir müssen also tiefer graben und den scheinbaren Bericht der Nacht in Getsemani als theologischen Text entschlüsseln. Jesus hatte keine Möglichkeit mehr, seinen Jüngerinnen und Jüngern etwas über sein Ringen in dieser Nacht mitzuteilen. Es handelt sich bei den Erzählungen über die Nacht im Garten also nicht um ein Tatsachenwissen. Vielmehr wird die Grundbotschaft des Lebens Jesu in einer dramatischen Szene literarisch ausgestaltet. Auf diese Weise wird das Trauma des Scheiterns und des Kreuzestodes Jesu von den Glaubenden verarbeitet und gegen allen Augenschein in einen Sinnzusammenhang und in den Willen Gottes seit Anbeginn der Schöpfung eingeordnet.

Märtyrer-Theologie

Dafür greifen die Autoren der Passionsberichte auf einer ersten Ebene auf die Märtyrertheologie der Makkabäer- und der zwischentextamentarischen Zeit zurück. Im Mittelpunkt steht die Treue zum Glauben Israels, stehen religiöse Authentizität und radikale Konsequenz – auch unter massiver Bedrohung. Mit der Seligpreisung: „Selig, wenn ihr um der Gerechtigkeit willen verfolgt werdet“ (Mt 5,10) greift Jesus diese Tradition in der Bergpredigt quasi als Vorausschau auf sein eigenes Schicksal selbst auf. Die Passionserzählungen lassen die Geschichten über die drei Jünglinge im Feuerofen (Daniel 3) und von den sieben Märtyrern (2 Makkabäer 7) anklingen. Beidesmal ist der Kontext, dass eine Verweigerung sich einer fremden religiös-staatlichen Obrigkeit zu unterwerfen, mit Folter und Tod bestraft wird. Der Wille Gottes in diesen Geschichten ist nie der Tod der Bekenner, sondern das Bekenntnis und das Lob Gottes, dem anderen Überlegungen unterzuordnen sind. Die drei Jünglinge im Feuerofen gehen, nach eigener Aussage, sogar so weit, dass sie am Glauben festhalten würden, auch wenn Gott sie nicht retten würde. Jesu Sterben wird durch das Zitat von Psalm 22 am Kreuz – verlassen von Gott, hält der Beter dennoch am Lob Gottes fest – direkt mit ihnen identifiziert.

Typisch für diese Märtyrererzählungen ist es, dass Möglichkeiten zur Unterwerfung und zur Flucht ausgeschlagen werden. Die Passionsberichte nehmen diese Linie auf, wenn sie in den Mittelpunkt rücken, dass Jesus den Weg der Passion aus freier Entscheidung geht. Die Märtyrer – und Jesus – erweisen sich damit als vorbildlich Glaubende, als „Ecksteine“ des Hauses Gottes. Jesus zitiert den Psalmvers vom Stein, der zum Eckstein geworden ist (Ps 118,22) mit deutlicher Spitze gegen die religiösen Autoritäten seiner Zeit, die sehr wohl verstehen, dass sie gemeint sind und dass Jesus sich selbst damit in die Linie der Märtyrer stellt. Umso mehr wollen sie ihn töten.

Mit der Brille der Märtyrertheologie  gelesen, ist der Wille Gottes in Getsemani also als Aufforderung zur Treue zum eigenen Glauben und zur eigenen Verkündigung zu lesen. Jesus wird für sein Bekenntnis eines bedingungslos liebenden Gottes getötet, eines Gottes, der alle menschengemachten Grenzen und Urteile hinter sich lässt und alle Trennungen (kultische Reinheit, Absonderung von den Heiden…) niederreißt, eines Gottes, der sich aus freiem Willen und selbstloser Liebe den Menschen zuwendet, nicht weil sie Opfer bringen, das Gesetz halten oder für die Wiederherstellung des davidischen Reiches kämpfen. Durch die Passionserzählungen wird Jesus eingereiht in die großen Bekenner und Helden des Glaubens Israels. Wie sie lässt er um des Glaubens willen die Möglichkeiten zur Unterwerfung und zur Flucht aus und stellt sich als Bekenner seinen Verfolgern. Er beglaubigt auf diese Weise seine eigene Verkündigung. Das ist eine zweite Dimension des Willens Gottes in Getsemani: Gott will, dass Jesus seine Verkündigung weder widerruft, noch desavouiert, indem er sein Leben rettet.

Die Passionserzählungen sprechen damit natürlich auch in die Lebenssituation der Gemeinden hinein. Durch Pogrome, durch die Zerstörung Jerusalems und die Vertreibung aller Juden, durch beginnende Verfolgung haben sie erste Märtyrer*innen zu beklagen. Ihr Schicksal wird mit dem Schicksal Jesu parallelisiert. Sie sind Bekenner*innen wie er, mehr noch: sie sind wie Jesus, Gesalbte und Gesandte wie er, und gehen deshalb auf die gleiche Auferweckung zu, die endgültig ihren wie seinen Glauben bestätigt. „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen verfolgt werdet… so haben sie es auch mit den Propheten gemacht.“ (Mt 5,11). Nach den Begegnungen mit dem Auferstandenen wird die Auferweckung aller Glaubenden damit schon in die Getsemani-Erzählung hineingewoben. Der Wille Gottes in Getsemani ist die Auferstehung. Der Tod ist nicht die letzte Wirklichkeit. Gott schafft Leben durch den Tod hindurch. Gott, so das Bekenntnis der Gemeinden, hat alle Trennungen niedergerissen, auch die zwischen Lebenden und Verstorbenen, auch die zwischen Himmel und Hölle: das ist sein Wille in Getsemani, sein Wille für Jesus, sein Wille für alle Glaubenden – und dieser Wille ist ganz auf einer Linie mit dem Willen Gottes von Anbeginn an.

Gewaltlosigkeit

Aber die Autoren der Passionsberichte legen noch weitere Deutungsebenen unter die Märtyrertheologie. Eine davon wird durch den Verweis an Petrus angedeutet, der zum Schwert greifen wollte, um die Verhaftung Jesu zu verhindern. Einsatz von Gewalt, so die Logik dieser Stelle, ist nicht der Wille Gottes in Getsemani. Wieder spiegelt sich diese Position in den Seligpreisungen: „Selig, die keine Gewalt anwenden“ (Mt 5,5) und auch die Zurückweisung von Herrschaft und Gewalt über Menschen durch Jesus während der Versuchungen in der Wüste weisen in dieselbe Richtung. An die Ebene der Märtyrer lässt sich dieses Motiv leicht anschließen, denn auch die Märtyrer des Daniel- und des 2. Makkabäerbuchs greifen nicht zu Gewalt. Vielmehr wird die Gewalt sichtbar gemacht – und zu Ende gebracht, auslaufen lassen. Gewalt zeugt dann eben nicht Gegengewalt. So ist es Gottes Wille in Getsemani, dass die Gewalt und die Gewaltherrschaft sichtbar gemacht, aber eben von Jesus nicht mit Gewalt beantwortet werden. Gottes Wille ist, dass Jesus aus der Spirale der Gewalt aussteigt, dass er das „Auge um Auge…“ und jede Rache hinter sich lässt. Lateinamerikanische Befreiungstheologen haben in den letzten fünfzig Jahren dieses stets notwendige Miteinander von „denuncia“ – die Gewalt wird denunziert – und „anuncia“ – die Verkündigung Gottes als Liebe und Barmherzigkeit – neu herausgearbeitet. 

Wieder sprechen die Passionsberichte zur Gemeinde, die sie hört. Gegengewalt gegen die römische Gewaltherrschaft, Rache wegen der Pogrome, Reaktionen aus der eigenen Traumatisierung heraus… legen sich eigentlich unmittelbar menschlich nahe. Aber zu Christus zu gehören, im Reich Gottes zu leben, ist Gewaltverzicht, der jedoch das Unrecht nicht verschweigt. Im Reich Gottes zu leben, konkretisiert sich in der Verkündigung eines niemals gewalttätigen Gottes, der selbst die Gewalt gegen seinen Sohn nicht mit Rache beantwortet. Hätten die Christen späterer Jahrhunderte diesen Willen Gottes respektiert und befolgt, wäre der Welt viel Unheil, nicht zuletzt die Judenverfolgungen und die Gewalt gegen Abweichler von der angeblich reinen Lehre, erspart geblieben. Gottes Wille in Getsemani ist, dass die Gewalt an Licht kommt. Und Gottes Wille in Getsemani ist der  Ausstieg aus der Spirale der Gewalt und der Verzicht auf Rache.

Lamm Gottes

Noch eine dritte Ebene des Verständnisses wird durch die Autoren darunter gelegt, dieses Mal angedeutet durch die Parallelisierung mit den Pessach-Lämmern und der Lamm Gottes-Symbolik in Rückgriff auf Jes 53, 7: „Wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, tat er seinen Mund nicht auf.“ Das Verstummen Jesu während des Prozesses gibt den Hörer*innen den entscheidenden Hinweis. Auch die Erzählung vom Gerichtsprozess ist ja ein theologischer Text und kein Bericht. Niemand aus den Jünger*innen Jesu hätte aus dem Gerichtssaal berichten können. Zwei Themen spielen assoziativ in diese Symbolik vom Lamm und den Lämmern hinein. Die erste ist die Schuldfrage. Die Lämmer sind ausdrücklich „unschuldig“ und doch werden sie zur Entschuldung des Volkes geschlachtet. Sie sind Stellvertreter und Sündenböcke. Der Wille Gottes in Getsemani, der damit angedeutet wird, ist es, die Schuldlosigkeit Jesu zu bestätigen und zugleich, indem Jesus sich freiwillig der Verurteilung unterwirft, die Sünde aufzuheben. Gott selbst von Menschen zur Sünde gemacht, führt diese ad absurdum, ist sie doch als Abkehr und Trennung von Gott verstanden. „Denn durch sein Sterben ist er ein für alle Mal der Sünde gestorben, sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die gewiss für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.“ (Röm 6,10-11) Gott selbst tot mit den Toten hebt die Trennung des Todes von Gott auf. Sünde, Tod und Hölle verlieren ihren Sinn und ihre Existenz. Gottes Wille ist das Ende der Sündenverfangenheit, das Ende der Trennung von Gott, das Ende des Todes und der Hölle, die Aufhebung der Vertreibung aus paradiesischen Vertrautheit mit Gott und die unverlierbare Freiheit der Kinder Gottes. Wieder ist der Wille Gottes „denuncia“ (Bestätigung der Schuldlosigkeit Jesu wider allen Anschein) und „anuncia“ (es gibt keine Sünde, keinen Tod und keine Hölle als Trennung von Gott mehr) zugleich.

Ohnmacht

Mit der Stimmlosigkeit der Lämmer und Jesu klingt als weiteres Thema die Ohnmacht an, die im Geschehen erlebt wird. Ins Bild gesetzt wird sie von den Passionsberichten zum Beispiel, indem Jesus zwischen den verschiedenen Machthabern hin- und hergeschickt wird oder durch die Geiselungsszene. Sein Wille ist nicht mehr wichtig. Es wird über ihn entschieden. Zuletzt wird er festgenagelt. Ohnmacht aber ist eine Situation, die Menschen nicht aushalten können. Lieber suchen sie nach Schuld – und finden sie notfalls bei sich selbst – als dass sie der schieren Sinnlosigkeit der Ohnmacht ins Auge schauen. Jesus aber ist unschuldig und hält bis zum Tod daran fest. Zugleich aber verzichtet er darauf, Gott oder seine Peiniger schuldig zu sprechen. Er wird verurteilt, spricht aber kein Urteil. Er hält die theologische Höhe des Ijob-Buches durch. Ijob bleibt dabei, dass niemand, auch Gott selbst nicht schuld an seinem Unheil ist. Und auch Jesus hält der Versuchung stand, Ohnmacht durch Schuld aufzuheben. 

Gott allein aber ist ohnmachtsfähig. Er zeigt es in letzter Konsequenz am Kreuz. Seine Ohnmacht liegt ganz auf der Linie der Inkarnation – idealtypisch zusammengefasst im Philipperhymnus. Gott entäußert sich seiner Macht und kommt in ein Leben der Ohnmacht wie ein Sklave, nicht in der Lage auf das eigene Schicksal Einfluss zu nehmen. Ohnmacht zu ertragen ist in diesem Sinne eine göttliche Fähigkeit, die den Menschen über sich hinaushebt. Und so ist der Wille Gottes in Getsemani auch, dass Jesus über seine menschlichen Möglichkeiten hinaus wächst und sich göttlich – ohnmachtsfähig – zeigt. Er eröffnet uns, den Glaubenden, die Christus nachgestaltet werden, die Möglichkeit, befreit von Sünde auch auf Schuldzuweisungen zu verzichten und so wirklich frei zu leben. In Variation eines Paulus-Zitats: „Unser Leben aber leben wir in Christus“. Das ist der Wille Gottes in Getsemani und seit Anbeginn der Welt.

Diesen Beitrag teilen: