Papst Franziskus hat das Heilige Jahr 2025 unter die Überschrift „Pilger der Hoffnung“ gestellt. Ist sein Impuls für eine synodale Kirche auch Anlass für Hoffnung?

Der Artikel ist zuerst in der „Korrespondenz für die Spiritualität der Exerzitien“, Heft 126/2025 erschienen.

Synodalität – Hoffnungszeichen für die Kirche?

Text: Peter Hundertmark – Photo: gouv/pixabay.com

Vielleicht bin ich zu alt, um noch zu Optimismus für die Kirche in Deutschland fähig zu sein. Die letzten ‚Heilsbringer‘ – Exerzitien im Alltag, Glaubenskurse, Pastoralpläne, Kirchliche Bewegungen, Evangelisierung, Berufungspastoral… – waren es jedenfalls nicht. Der Abwärtstrend der Kirche in Deutschland, der spätestens in den achtziger Jahren Fahrt aufgenommen hat, hält unverändert und mit präzise vorhersagbarer Dynamik weiter an. Gleichzeitig haben sich die theologisch-kirchenpolitischen Strömungen und die Regionen in der Weltkirche erheblich weiter auseinander entwickelt – teils bis in tiefe Feindschaft und persönlichen Hass hinein. Und jetzt soll ich glauben, dass Synodalität – aufeinander hören und gemeinsam nach dem Willen Gottes fragen – alles ändern wird? Soll glauben, dass die überkommenen Bilder, Strukturen und die in weiter Vergangenheit wurzelnden Überzeugungen sich in Luft auflösen und Platz machen für eine menschenfreundliche, relevante, geschlechtergerechte und zeitgenössische Kirche? Ich bin zu alt für Optimismus.

Damit wäre ich eigentlich raus. Thema verfehlt. Gäbe es nicht diese überraschenden Erfahrungen… Ein Priester, eigentlich längst im Pensionsalter, meldet sich in der Reflexionsrunde nach zwei kleinen Experimenten „Gespräch im Geist“ mit der Frage „Warum habe ich so etwas in meinem langen Priesterleben noch nicht erleben dürfen?“ Ein Pastoralteam mit einer heftigen Unwucht durch einen sehr dominanten Leiter findet in ein vertrauensvolles Miteinander von Gleichen, wo alle ihre Charismen einbringen können. Eine Gruppe von Öko-Aktivisten stellt sich der ganzen Dramatik der lebensbedrohenden Veränderungen des Erdsystems und wird in existentielle Prozesse der dritten Exerzitienwoche geführt. Die Beratungskultur einer kirchlichen Versammlung verändert sich so, dass die Teilnehmer*innen fähig werden, den Versuchungen vorgefertigter Meinungen und schneller Lösungen zu widerstehen.  …

Nein, das wird die Gestalt der Kirche in Deutschland nicht retten. Es gibt kein Zurück in die siebziger Jahre. Der „Point of no return“ ist lange überschritten. Die tönernen Füße des Scheinriesen sind zerbröselt. Nostalgie ist nicht angesagt und Optimismus auch nicht. Auch wenn alle mit einem Mal synodal dächten und handelten, kommt die Volkskirche, kommt die breite gesellschaftliche Akzeptanz, kommt das Sinnmonopol nicht zurück. Nein, Synodalität wird die Spannungen zwischen den kirchenpolitischen Gruppen nicht auflösen, wird traditionalistisch eingestellte Gruppen nicht mit der Moderne versöhnen, wird die Machtasymmetrien nicht einfach verschwinden lassen. Der Geist Gottes wird nicht alles ausbügeln, was wir Menschen zerknittert haben. Optimismus, naives Vertrauen auf die Wunderkraft Gottes, das Warten auf die gesellschaftliche Trendwende, machen genauso handlungsunfähig, wie die Verzweiflung und lähmende Depression, die weite Teile der deutschen Kirche – mich oft eingeschlossen – im Würgegriff halten.

Bevor ich nochmal auf die Frage der Hoffnung zurückkomme, ein Rückgriff auf die Anfänge in der Apostelgeschichte. Nein, nicht Apg 4,32, diese ultimativ verklärte Stelle „sie waren ein Herz und eine Seele… sie hatten alles gemeinsam“. Wenn die Kirche heute so wäre, hätten wir kein Problem. Apg 1,14-26 beschreibt eine ganz andere Situation, in ihrer Dramatik uns viel näher. Da sind einhundertzwanzig Frauen und Männer und die führenden Persönlichkeiten der ersten Christus-Gläubigen zusammen gekommen. Die Lage könnte kaum bedrückender sein. Einer von den führenden Leuten hat tödlichen Verrat und dann Suizid begangen. Die Leitfigur der Bewegung, Jesus selbst, ist als Verbrecher hingerichtet worden. Das eschatologische Heilszeichen der symbolischen Wiedererrichtung der zwölf Stämme Israels durch die zwölf Apostel ist zerstört. Mit heutigen Kategorien gesprochen, haben wir es mit tief traumatisierten Menschen zu tun. In dieser Lage ergreift einer die Initiative, ruft das Geschehen in Erinnerung, deutet es im Licht der Heiligen Schrift und schlägt einen Lösungsschritt vor: Denjenigen zu ersetzen, der den Zwölferkreis verlassen hat. Was die Apostelgeschichte nicht berichtet, sind die Diskussionen, die sich dann wahrscheinlich angeschlossen haben. Sie münden in die Suche nach geeigneten Kandidaten. Dann beten sie miteinander um die Führung durch den Geist Gottes, werfen das Los – und akzeptieren das Ergebnis, auch wenn das Los auf den weniger profilierten Kandidaten gefallen ist.

Diese Erzählung bietet viele Elemente, die Papst Franziskus mit seinem synodalen Ansatz verbunden hat. Die Basis ist die Versammlung des ganzen Gottesvolkes. Die Hundertzwanzig – zehn mal zwölf – stehen für symbolisch für das ganze, wieder nach zwölf Zugehörigkeiten hergestellte Gottesvolk. Wichtig dabei: ausdrücklich sind Männer und Frauen zusammengekommen. Der Mutter Jesu kommt dabei eine besondere Stellung zu – auch wenn der weitere Fortgang dann im Rahmen der patriarchalen Gesellschaft bleibt, insofern trotz anderer Erfahrungen – Maria von Magdala als Apostelin der Apostel – nur ein Mann als möglicher autoritativer Zeuge der Auferstehung in Frage zu kommen scheint.

Franziskus ist von interessierter Seite oft vorgeworfen worden, er wolle mit seiner Vorstellung von Synodalität die hierarchische Struktur der Kirche auflösen. Ganz im Einklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (vor allem die dogmatische Konstitution Lumen Gentium) aber bettet er das Amt nur in das vorgängige Gesamt des Gottesvolkes ein. In der Versammlung der ersten Christinnen und Christen – und als ihre Funktion – kommt Petrus eine wichtige und unaufgebbare Rolle zu. Er benennt ungeschminkt die Situation und stellt einen Lösungsvorschlag in den Raum. So kommt es auch in der synodalen Erneuerung der Kirche den jeweils für einen Bereich oder ein Thema Verantwortlichen zu, die Ausgangslage und das Problem zu skizzieren, ihre Expertise und Kompetenzen zur Verfügung zu stellen und Lösungsvorschläge zu machen bzw. erarbeiten zu lassen.

Dann aber tritt das „Amt“ zurück. Petrus wird nicht mehr erwähnt. Das Heft des Handelns geht auf die Versammlung des ganzen Gottesvolkes über. Sie diskutieren, überlegen, beten, entwickeln Lösungsmöglichkeiten. Alle miteinander bemühen sich um die Unterscheidung der Geister, einigen sich auf ein Entscheidungsverfahren, akzeptieren das Ergebnis und setzen es in Praxis um. Synodalität heißt eben nicht, dass alle einer Meinung wären, dass es keinen Wettstreit der Argumente geben darf und keine Konflikte. Da darf, da muss es hoch hergehen. Wenn die verschiedenen Geister die Menschen bewegen, dann schießen die Emotionen hoch, dann geht dem einen oder anderen auch mal „der Gaul durch“, dann profilieren sich die Meinungen… Exerzitienbegleiter*innen wissen um diese Dynamik und ihre Notwendigkeit bei der Suche nach dem Willen Gottes. Es wäre nichts schädlicher, als die Dramatik zu unterbinden und in eine Schein-Harmonie zu unterdrücken.

Während der Entscheidungsfindung aber dürfen die Anhänglichkeiten keine entscheidende Rolle spielen – auf individuellen Exerzitienwegen nicht und auch nicht in kommunitären Prozessen der Unterscheidung der Geister. Für das synodale Geschehen übersetzt: Die bestehenden Hierarchien, Kompetenzunterschiede, Verantwortlichkeiten etc verlieren für die Zeit der Beratung ihre Bedeutung. Für die Zeit der Entscheidungsfindung suspendiert Synodalität jede Hierarchie. Es beraten Personen, nicht Funktionen oder Ämter; Menschen nicht Würdenträger;  alle Geistträger*innen und Geistträger und nicht eine imaginierte „ecclesia docens“ alleine.  Wenn im Gottesvolk alle gemeinsam nach dem Willen Gottes für eine schwierige Situation fragen, beten, suchen, ringen, kann es keinen Vorsprung des Amtes, kein Vetorecht wessen auch immer, keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Jungen und Alten, Linken und Rechten, Migrant*innen und Einheimischen, keine ungeordneten Anhänglichkeiten geben. Alle sind in gleicher Weise Geistträgerinnen und Geistträger. Niemand weiß, wer jetzt gerade vom Heiligen Geist berührt wird. Niemand kann ausschließen, dass der Geist das Gottesvolk eine andere Person oder Gruppe führt, deren Meinung so gar nicht zur eigenen passt und der es auch vielleicht niemand zugetraut hatte. Die Benediktsregel legt nicht umsonst fest, dass immer auch der Unerfahrenste gehört werden muss.

Alle zu hören – und sie wirklich hören zu wollen – ist deshalb nicht umsonst der Kern, die zentrale Vorgehensweise und natürlich auch die größte Herausforderung der Synodalität. „Was alle angeht, muss von allen beraten werden“ ist seit der Scholastik der entscheidende Grundsatz. Alle hören und alle in der gleichen Weise hören —  darauf kommt es an. Deshalb ist auch das Verfahren der Weltsynode, das als „Gespräch im Geist“  bekannt geworden ist, hochstrukturiert und absolut streng. Jede und jeder – Papst, Ordensfrau, Familienvater, Professorin, Bischof – bekommt die gleiche Redezeit. Keine*r darf ein zweites Mal sprechen, bevor alle gehört wurden. Es gibt keine direkten Antworten, keine Rededuelle. In einer zweiten Runde kann dann ergänzt werden. Da ist dann auch der Ort, nicht einverstanden zu sein – aber wieder nicht als Wortgefecht, sondern als gemeinsames Ringen um die beste Lösung, theologisch gesprochen, um den Willen Gottes.

Aus der akademischen Tradition stammt die Herangehensweise, bei der Suche nach einer Lösung primär auf die Kraft des Arguments zu setzen. Das ist und bleibt auch in synodaler Vorgehensweise richtig und unverzichtbar. Allerdings wird das Argument – wie in der Erzählung der Apostelgeschichte – durch das Hören auf die Heilige Schrift und das Gebet ergänzt. Die Argumente entstehen eben nicht (nur) aus den langgehegten Überzeugungen der Einzelnen, aus ihren Interessen und rationalen Überlegungen, sondern wachsen heraus aus der persönlichen Begegnung mit dem Wort Gottes, aus der Stille und aus dem lauschenden, erwägenden und betrachtenden Gebet.

Das Wort Gottes hat darin eine eigene Kraft. Es „kehrt nicht leer zu Gott zurück, sondern vollbringt, was er will“ (Jes 55,11). Das Wort Gottes ist die „Leuchte auf dem Weg“ des Gottesvolkes (Ps 119,105).  In der Bibel stehen natürlich nicht die Lösungen für unsere Fragen und Probleme, aber das Wort Gottes bewegt das Gottesvolk und schafft in ihm die Antworten für die jeweilige Zeit herauf. Die Lösungen, die auf synodalen Wegen erarbeitet werden, lassen sich deshalb als emergente Lösungen betrachten: Sie quellen heraus aus der Beschäftigung der Glaubenden mit den Fragen der Zeit, mit dem Wort Gottes und aus ihrer betenden Hinwendung zum lebendigen Herrn. Ohne das Wort Gottes und ohne längere Zeiten betender Stille gibt es keine Synodalität.

Wie aber kommt es nun zu einer Entscheidung? Endet das nicht in einer endlosen Schleife von zuhören, beten, weiter zuhören? Wird nicht alles verwässert, weil Nicht-Fachleute ihren Senf dazu geben? Was, wenn sich die Standpunkte nicht annähern? Was, wenn Zeitdruck da ist? Was, wenn die Rahmenbedingungen die beste Lösung nicht zulassen? Die Weltsynode hat im Rückgriff auf ein Arbeitspapier der Internationalen Theologischen Kommission hier eine Unterscheidung zwischen Entscheidungsfindung (decision making) und dem Feststellen der Entscheidung (decision taking) eingeführt. Die Entscheidung finden, geschieht durch Gebet, zuhören, argumentieren, abwägen, die Geister unterscheiden. Die Entscheidung festzustellen, ist ein eigener, von der gemeinsamen Suche unterschiedener Schritt. Je nach Herausforderung können für die Feststellung der Entscheidung unterschiedliche Verfahren bestimmt werden. Die versammelten Männer und Frauen der Apostelgeschichte wählen das Losverfahren. Eine Abstimmung mit Mehrheiten wäre auch möglich. Konsentieren, „gemeinsinnig entscheiden“ wie in der Solidarischen Landwirtschaft oder andere Konsensverfahren sind ebenfalls denkbar. In vielen Fällen – längst nicht nur in der katholischen Kirche – geht die Entscheidungsfeststellung jedoch legitimer Weise zurück in die Hand und Verantwortung der jeweiligen Leitungspersonen.

Wenn das Feststellen der Entscheidung in die Hand von Leitungspersönlichkeiten gelegt wird, fordert das von ihnen ein hohes Ethos und ein sorgfältig eingeübte Fähigkeit zu „discerning leadership“ – einem Leitungsverhalten, das selbst nochmals im Gebet und in der Unterscheidung der Geister gründet. „Discerning Leadership“ und gemeinsame Unterscheidung der Geister bedingen sich gegenseitig wie die beiden Schalen einer Balkenwaage. Die Entscheidung festzustellen, erlaubt nämlich nicht, den geistgeführten Prozess der gemeinsamen Entscheidungsfindung auszuhebeln. Die Kunst ist es vielmehr, aus dem Geschehen heraus – vielleicht unter Zeitdruck und ungünstigen Rahmenbedingungen – eine Entscheidung zu formulieren, die der Ganzheit des beratenden Gottesvolkes in seiner geistgegründeten Diversität gerecht wird. Wählt man diesen Verfahrensweg für die Entscheidungsfeststellung, ist diese Verantwortung und Herausforderung – zum Beispiel des kirchlichen Amtes – nicht delegierbar.

Wenn die Entscheidung dann formuliert ist, kann oder sollte sie  dem ganzen beratenden Gottesvolk noch einmal für eine Rückmeldung vorgelegt werden: „Ist diese Formulierung einer Entscheidung wirklich die Frucht eurer Beratung? Erlebt ihr euch mit dieser Entscheidung im Frieden?“ Gegebenenfalls muss dann der erste Formulierungsversuch verändert und angepasst werden. Erst wenn eine „wohlklingende“ Resonanz zwischen Entscheidungsfindung und Entscheidungsfeststellung, zwischen dem jeweils beratenden Ausschnitt aus dem ganzen Gottesvolk und den Verantwortungsträger*innen erreicht ist, ist der Prozess abgeschlossen. Erst dann ist eine Situation eingetreten, in der ein hohes Commitment aller Beteiligten zu erwarten ist. In der Apostelgeschichte: „Er wurde den elf Aposteln zugerechnet.“ Und dieses Zugerechnet-werden wurde dann bis heute weltweit von niemandem mehr in Frage gestellt. 

Doch zurück zur Frage der Hoffnung. Wurden die ersten Christinnen und Christen durch die Wahl des Matthias in der Hoffnung gestärkt? Wahrscheinlich schon, denn das eschatologische Zeichen des Zwölferkreises war wieder hergestellt. Wurde ihre Situation dadurch besser? Eher nicht. Es dauert nur zweieinhalb Kapitel bis die ersten Verhaftungen erfolgen. Bereits im fünften Kapitel wird der erste Betrug innerhalb des Gottesvolkes berichtet. Im sechsten Kapitel folgt die Erzählung über den ersten Märtyrer. Dann das Ringen um Heidenmission und die Beschneidung, die Auseinandersetzungen um die Person des Paulus, die ersten Pogrome…

Aber es ist mit dieser Wahl noch etwas geschehen. Zum ersten Mal hat in der Wahl des Matthias das versammelte Gottesvolk Gebrauch von der göttlichen Vollmacht gemacht, die ihm von Jesus übertragen wurde. Sie haben eine Entscheidung Jesu zugleich mit und gegen ihn (Berufung des Judas) korrigiert. Sie haben entschieden und erlebt, dass sie in der Nachfolge Jesu selbst auch eschatologische Zeichen von bleibender Bedeutung setzen können. Die Schüler*innen (Jünger*innen) Jesu sind erwachsen geworden. Später werden sie die gleiche Vollmacht im Geist nutzen, um die Sendung Jesu zum Volk Israel mit und gegen ihn durch die Sendung zu den Völkern zu ergänzen. Knapp dreihundert Jahre später transformieren sie wieder in der gleichen Vollmacht im ersten Konzil von Nizäa endgültig den Ein-Gott-Glauben der Jüdinnen und Juden in den Glauben an einen dreieinigen Gott – eine Vorstellung, von der niemand sagen kann, ob sie dem historischen Jesus nicht sehr schwer gefallen wäre. Und so geht es weiter durch die ganze Kirchengeschichte. Damit drängt sich unmittelbar die Frage auf:  Wozu könnte das synodal versammelte Gottesvolk heute fähig sein und sich in gottgegebenener Vollmacht berechtigt wissen?

Meine These ist: Durch Synodalität wird das Gottesvolk erwachsen und übt im Glauben erwachsen seine gottgegebenene Vollmacht zur Problemlösung aus.

Und ja, so gesehen keimt in mir doch so etwas wie Hoffnung auf. Da steckt Potential drin. Es wird nicht alles besser werden. Bekanntlich machen auch Erwachsene Fehler und ihre Fehler habe schlimmere Konsequenzen als die Fehler von Kindern. Bei einem zur Reife synodaler Verantwortung gekommenen, erwachsenen Gottesvolk wird es auch nicht anders sein. Allerdings sind wir, nach meinem Eindruck, als Gottesvolk noch nicht (wieder) im apostolischen „Erwachsenenalter“ angekommen. Die Amtsträger werden zum Beispiel von vielen immer noch nach obrigkeitlichen Deutungsmustern wahrgenommen – was weit hinter ihrer eigentlichen Funktion im synodalen Gottesvolk zurückbleibt und den dogmatischen Festlegungen in der Konstitution Lumen Gentium widerspricht.

Sr. Nathalie Becquart, Untersekretärin (Abteilungsleiterin) im Synodensekretariat, spricht immer davon, dass die Transformation der hierarchischen in eine synodale Kirche zwei oder mehr Generationen in Anspruch nehmen wird. Eine Menge Bilder, Prägungen und Überzeugungen müssen bis dahin noch verlernt werden. Muster und Gewohnheiten müssen transformiert werden. Wir müssen lernen, über Macht in der Kirche zu sprechen und effektive Gegenmacht aufzubauen. Wir müssen dem Machtmissbrauch und der Funktionalisierung des Gottesvolkes für private Interessen wehren. Wir müssen raus aus der selbstverordneten modernitätskritischen Erstarrung. Theologisch hat das Zweite Vatikanische Konzil dafür die wichtigen Weichenstellungen gemacht. Nun gilt es, auch in den praktischen Vollzügen auf die Ermächtigung durch Jesus und seinen Heiligen Geist durch eine (neue) Selbstermächtigung des Gottesvolkes zu antworten. Wir müssen erst noch aufschließen zu der Selbstgewissheit souveräner Entscheidungsvollmacht der damals ganz am Anfang versammelten einhundertzwanzig Männer und Frauen.

Auch haben wir noch keinen Weg gefunden, für die Fragen die alle Katholik*innen – oder gar alle Christ*innen aller Kirchen – weltweit angehen, angemessene und doch zeitlich überschaubare Beteiligungsformen zu etablieren. Vielleicht haben wir noch nicht einmal die technischen und organisatorischen Fähigkeiten, eineinhalb bis über zwei Milliarden Menschen in eine gemeinsame Entscheidungsfindung zu integrieren. Das Gottesvolk, der ganze Leib Christi kommuniziert sakramental, aber noch nicht im Austausch der Erfahrungen und Meinungen. Die unzähligen Glieder des Leibes hören einander noch nicht – und können deshalb auch noch nicht wirklich aufeinander hören. Was uns jedoch nicht hindern sollte, lokal und regional damit zu beginnen. Jede noch so kleine kirchliche Gemeinschaft, die zur Reife synodaler Verantwortung vorstößt, verändert das ganze Gottesvolk, setzt einen Meilenstein auf dem Transformationsweg hin zu einer synodalen Kirche.

Vielleicht hat Kirche mit der Synodalität wieder neu einen Weg zu sich selbst gefunden. Vielleicht gelingt es so, den Antimodernismus hinter uns zu lassen und neu in Resonanz mit den Beteiligungserwartungen moderner, demokratie- und freiheitsersehnender Menschen zu kommen. Vielleicht können wir auf diese Weise die dysfunktional gewordenen Übernahmen – sie waren nie wirklich vom Evangelium gedeckt – aus monarchischen und absolutistischen Gesellschaften hinter uns lassen. Vielleicht ist damit das Fundament gelegt, dass die Kirche neu evangelisiert wird. Vielleicht schafft Synodalität die Voraussetzung, unseren Glauben für das 21. und 22. Jahrhundert in Wort und Praxis zu bringen. Vielleicht reift das Gottesvolk auf diese Weise zu dem globalen Akteur heran, der in den Fragen des Klimaschutzes, der Friedenssicherung, der Armutsbekämpfung, der Migrationssteuerung… so dringend gebraucht würde. Vielleicht gelingt es auf diese Weise, dem eigenen Anspruch, Zeichen und Werkzeug der Einheit der ganzen Menschheitsfamilie zu sein, näher zu kommen.

Macht mir der Weg hin zu einer synodalen Kirche Hoffnung?
Nun ja…
Nun, ja!

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