Advent feiert, dass Gott auf uns zukommt. Er spricht durch die Zeichen der Zeit. Im Geist Gottes hat Kirche die Vollmacht, auf neue Zeiten zu reagieren, indem sie – geprägt von Jesus und ihrer Tradition – über diese hinaus geht.

Advent

Text: Peter Hundertmark – Photo: Pixel2013/pixabay.com

Wenn katholische Kirche über sich selbst spricht, dann spricht sie oft lange über Tradition. Sie reflektiert die bescheidenen Anfänge in den ersten Generationen nach Jesus, sie berichtet über die großen Konzilien und darüber, wie sich der Glaube gefestigt und präzisiert hat, sie erzählt von den Erfolgen und Rückschlägen der Kirchengeschichte, holt die spirituellen Erfahrungen der Glaubenden früherer Jahrhunderte in die Gegenwart. Im biographischen Selbstgespräch mit ihrer Tradition vergewissert sich Kirche ihrer Identität. Gerade das Leben der ersten Gemeinden nimmt dabei eine besondere Rolle ein und dient oft als Korrektiv für aktuelle (Fehl-)Entwicklungen. Die Tradition, das was durch die Jahrhunderte weitergegeben wurde, wirkt als Wurzel aus der das Leben der Kirche heute Kraft zieht.

So weit, so selbstverständlich. Alle Menschen und alle ihre Vergemeinschaftungsformen brauchen diese Weise der biographischen Selbstvergewisserung. Um ihre Identität zu sichern, erzählen Menschen und auch Organisationen sich und anderen ihre Geschichte. Dabei werden die Fakten so geordnet, dass sie dem heutigen Selbstverständnis zupass kommen. Wo Erinnerungen fehlen oder widerständig sind, wird gerne auch mal geklittert. Das ist völlig normal. Nur kann es dabei  unversehens geschehen, dass eine rückprojizierend-konstruierte Vergangenheit über die Gegenwart übermächtig wird: Eine nostalgisch produzierte, von heutigen Macht- und Identitätsinteressen geformte Vergangenheit übernimmt die Gegenwart. Das geschieht manchmal bei Einzelnen, vor allem wenn sich bereits viel Lebenszeit angesammelt hat. Das geschieht bei Organisationen. Das geschieht bei Kirche. Im Zweifelsfall scheint die Vergangenheit und die Tradition wichtiger als die Gegenwart. Nur wenn etwas früher schon einmal da war, kann es heute eingeführt und gelebt werden. Um nur ein sehr bekanntes Beispiel anzuführen: In der Frage der Weihe von Frauen suchen theologische Kommissionen nach Belegen dafür, dass die frühe Kirche Diakoninnen als geweihte Amtsträgerinnen kannte. Nur dann, so die Logik einer übermächtigen Tradition, wäre die Kirche heute berechtigt, Diakoninnen zu weihen. Damit legt eine weitgehend rückprojektierte Vergangenheit der Gegenwart Fesseln an.

Ein ähnlich schwieriges Traditions-Argument greift auf Jesus, seine menschliche Existenz, seine Praxis und Verkündigung zurück, um daraus unmittelbar Handlungsanweisungen für Kirche heute zu gewinnen. Wissenstheoretisch handelt es sich dabei um einen klassischen Fehlschluss, da die Differenz der Kontexte übersprungen wird. Auf diese Weise entstehen nur scheinbar gleiche Antworten, denn Sinn entsteht immer aus der Wechselwirkung von Wort und Kontext. Exegetisch ist diese Weise der Argumentation schon lange problematisiert. Dennoch begleitet diese Legitimationsfigur die Kirche seit Anbeginn. So hat bereits die zweite Generation der Christ*innen argumentiert, als sie sich den Nicht-Jüd*innen öffnete. Da die Selbstfestlegung Jesu, nur zum Volk Israel gesandt zu sein, recht massiv im Raum stand, wurden Szenen aufgefunden und in die Tradition integriert, wo Jesus seine eigene Position in der Praxis überschreitet – zum Beispiel die Begegnung mit der Syrophönizierin.

Vollmacht

Das Neue Testament kennt jedoch auch eine wesentlich schlüssigere Argumentationslinie: Der Auferstandene übergibt seinen Geist und damit seine Vollmacht an diejenigen, die zuvor seine Jünger*innen waren. „Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden erlasst…“ (Joh 20, 22f). Die Jünger*innen werden in die Sendung Jesu gestellt. Seine Sendung ist ihre Sendung. Sein Geist ist ihr Geist. Seine Vollmacht ist ihre Vollmacht. Sein Weg geht in ihrem Weg weiter. Die Legitimation läuft damit nicht über die Vergangenheit, nicht über das Vorbild Jesu allein, sondern über eine innere Wirklichkeit. Da diese nicht beweisbar war, war natürlich Streit vorprogrammiert. An jeder großen Weggabelung im Leben der ersten christlichen Gemeinden wurden einander widersprechende Positionen vertreten, die sich alle auf die Vollmacht Jesu und das Wirken des Geistes beriefen. In den besseren Momenten wurden diese Meinungsverschiedenheiten synodal gelöst: im Hören aufeinander, in fairer Debatte, kluger Abwägung und sorgsamer Unterscheidung der Geister. 

Die Auseinandersetzungen und die gemeinsame Suche nach der eher Jesus entsprechenden Lösung war unvermeidlich. Nur so konnte die Gemeinschaft des „neuen Wegs“ überleben und sich über eine kleine Gruppe von Jesus-Freund*innen hinaus entwickeln. Denn die Apostel*innen – Gesandte an Christi statt – waren rasch mit Themen und Herausforderungen konfrontiert, die im Leben Jesu kein unmittelbares Vorbild und für die in seiner Verkündigung auch kein leicht übertragbarer Lösungsansatz bereit lag. Drei theologische Annahmen befreiten sie aus dieser vermeintlichen Sackgasse: Die empfangene Vollmacht, die Überzeugung, dass Gott in seinem Geist die Gemeinden leitet und dass sein Wille verstanden werden kann, und die Hoffnung auf die Wiederkehr Christi, die erst am Ende der Zeiten alles klären und in der Vollendung zusammenführen wird. Durch diese Überzeugungen entstand – und besteht bis heute – für die Zwischenzeit zwischen der Auferstehung Jesu und seiner Wiederkunft ein Handlungsraum, der in Vollmacht und durch Unterscheidung gestaltet werden kann und muss – in der Linie der Verkündigung und der Geheimnisse des Lebens Jesu, denn die Christ*innen verstehen sich bleibend als Nachfolgegemeinschaft Jesu.

Um diese Linie bewahren zu können, wurden die Anliegen Jesu elementarisiert, in „Ich bin“- und „Ich bin gekommen, um…“-Sätze formalisiert und damit zu Prüfkriterien für die Unterscheidung geformt: Gerechtigkeit für die Armgemachten, Solidarität mit den Leidenden, gleiche Gotteskindschaft von Männern und Frauen, Heil und Heilung, Friede zwischen Menschen und mit der nicht-menschlichen Schöpfung, Erlösung aller Menschen, Vergebung der Sünden und Versöhnung, Befreiung von versklavenden Mächten, Freundschaft und unmittelbare Nähe zu Gott, Gemeinschaft und wohlwollende Zuwendung untereinander, Leben in Fülle, Feuer des Geistes vom Himmel. Diese inhaltlichen Festlegungen beschreiben seither die kommende und stets anzustrebende Königsherrschaft Gottes. Sie begrenzen die Vollmacht und leiten die Unterscheidung.

Die zentrale Begebenheit, die diesen so definierten Handlungsspielraum markiert, ist die Begegnung  Petri mit Cornelius und dessen Taufe, nachdem er und sein „Haus“ bereits den Heiligen Geist empfangen hatte. (Apg 10) Hier kommen die drei Überzeugungen in einer Geschichte zusammen. Gott ist aktuell und in je neuer Weise am Werk. Konkret: er gibt seinen Geist einem Nicht-Juden. Gott selbst überschreitet damit seinen Bund mit dem Volk Israel und verhält sich gemäß dem neuen Bund in Jesu Blut. Petrus sieht sich in der Not, die empfangene Vollmacht für eine Handlung zu nutzen, die dem Willen Jesu, alle Menschen zu erlösen entspricht, Jesu Verhalten aber möglicherweise widerspricht. Er entscheidet sich dem Anliegen Jesu treu zu bleiben und damit über den historischen Jesus hinaus zu gehen. Durch die Taufe wird Cornelius dem Gottesvolk hinzugefügt, das bis zur Wiederkunft Christi aus allen Nationen wachsen darf und nicht durch kulturelle Schranken begrenzt ist.

Unter dem Zugriff einer übermächtigen Tradition – Mose-Bund, Beschneidung, Heilsprimat Israels… – hätte Petrus nicht so handeln können. Entsprechend scharf sind die Reaktionen der Traditionshüter in Jerusalem. Petrus überschreitet seine eigene Tradition, seine eigenen Überzeugungen und das Vorbild Jesu. Er tut es in der Vollmacht des Heiligen Geistes und weil er sieht, dass Gott in neuer Weise auf ihn und die Christus-Glaubenden zukommt. Gott – das ist die Erfahrung und der Glaube Petri – ist Gegenwart und Zukunft. Er kommt aus ihrer Zukunft auf die Gegenwart der Kirche zu und führt sie zu jeder Zeit hinaus in Weite. (vgl. Ps 18,20)

Aber Petrus handelt nicht beliebig, genauso wenig wie Paulus und Barnabas oder das sogenannte Apostel-Konzil. Sie handeln überraschend neu, befreit von eigenen Zwängen, aber in der Linie der Sendung Jesu. Ihre Vollmacht ist die Vollmacht Jesu. In der Nachfolge – von Galiläa an bis zur Kreuzigung auf Golgota – haben die Jünger*innen den inneren Impuls, die göttliche Sendung Jesu nach und nach verinnerlicht. Sie sind intensiv in seine Schule gegangen. Sie haben sein Anliegen verstanden. Sie haben sich von ihm prägen lassen. Sein Leben ist ihr Leben geworden. Ihm sind sie immer verbunden – durch Erfahrung und Prägung und durch Gebet und Unterscheidung der Geister. Die Nachfolge ist die Voraussetzung der Vollmacht. Ohne diese existentielle Prägung und ohne die Rückbindung im Gebet wäre es Willkür und Anmaßung.

Kirche

Die Kirche steht zu allen Zeiten in der Herausforderung die Zeit bis zur Wiederkunft Christi im Sinne Jesu zu gestalten. Und immer trifft sie dabei auf Fragen, die sich nicht einfach durch den Rückgriff auf Jesus und auch nicht durch den Rückgriff auf die Tradition lösen lassen. Als ein Beispiel möge die mühsame Abkehr und dann folgende Verurteilung der Sklaverei sein. Von Jesus gibt es kein Wort gegen die damals selbstverständliche Sklavengesellschaft. Die ersten Generationen der Christ*innen haben sie ebenfalls als „normal“ akzeptiert, wenn sie auch hier und da versuchten, Sklaverei für die inneren Beziehungen der Gemeinden auszuhebeln. Jahrhundertelang haben Kirchenführer und Theologen Sklaven besessen. Aber Gott will nicht, dass Menschen Menschen besitzen. Sklaverei widerspricht der Gotteskindschaft, die alle Getauften teilen. Gott will die Freiheit und Würde aller seiner Menschenkinder. Und so hat sich die Kirche dann endlich gegen ihre Tradition, ohne direkte Anweisung Jesu und gegen die Praxis der ersten Christ*innen zum Willen Gottes und zur allumfassenden Erlösung und Befreiung in Tod und Auferstehung Jesu bekehrt und Sklaverei verurteilt. Ähnliche Bekehrungen der letzten zwanzig Jahre sind die Aufhebung der Lehre von der Hölle für die ungetauften Kinder (Benedikt XVI) und die Abkehr von der Todesstrafe (Franziskus). Beide sind jesuanisch, obwohl sie sich nicht wörtlich auf Jesus zurückführen lassen. Sie sind christlich, obwohl sie im Widerspruch zur Tradition stehen.  

Wenn Kirche in dieser Weise gegen ihre eigene Tradition neu handelt, so ist auch das nicht beliebig. Wie bei der ersten Generation der Christ*innen setzt die Herausforderung, den Weg Jesu dort weiter zu gehen, wo er nie gegangen ist, die Nachfolge Jesu, die Kenntnis und Akzeptanz seiner Anliegen und die Prägung durch seine Lehre und die Geheimnisse seines Lebens voraus. Kirche ohne individuelle, kommunitäre und institutionelle Nachfolge Jesu macht keinen Sinn. „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5) stimmt auch heute.  Aber da seit Jesus eine Menge Zeit vergangen ist und Kirche schon viele Entscheidungen treffen musste, die über den historischen Jesus hinaus gingen, setzen ihre Entscheidungen heute auch eine gute Kenntnis und Prägung durch die Tradition voraus. Kirche beginnt nicht heute. Zu jeder Zeit muss sie ihre Identität auch im biographischen Bezug zu ihrer Geschichte neu erzählen. Aber die Tradition darf nicht übermächtig werden. Sie darf nicht verhindern, dass Gott in neuer Weise auf Kirche zukommen kann, sie neu herausfordern darf, ihm in den Menschen und in der ganzen Schöpfung zu begegnen. „Gott ist jung“ ist ein Buch von Papst Franziskus überschrieben. Gott ist immer jung. In seiner Jugendlichkeit kommt er auf Kirche zu und lockt sie aus ihren Gewohnheiten und Überzeugungen hinaus. Gott ist Zukunft.

Advent – Zukommen Gottes

An dieser Stelle lohnt es, die dritte Überzeugung, die die ersten Christ*innen zu einem ungeahnten Handeln befreite, neu in den Mittelpunkt zu stellen: Dass Christus wiederkommt. Dass er das Ende der Zeit ist und aus der Zukunft kommt. Aus der Zukunft, aus der absoluten und letzten Zukunft und aus der Zukunft hinter unserem begrenzten Horizont kommt er auf Kirche zu. Er ist jung, frisch, unverbraucht… und lockt sie zu neuem Leben. Die Zeichen der Zeit sind seine Sprache. Die neue Schöpfung der Auferstehung ist seine ständig gegenwärtige Wirklichkeit. Christus ist auferstanden und lebt – gestern, heute und morgen. Aus dem morgen und vom letzten Morgen her kommt er jeden Tag und bis ans Ende der Zeiten auf Kirche, Menschheitsfamilie und Kosmos zu. Er lockt hinaus, er arbeitet an der Vollendung, führt sein Reich – beschrieben durch die großen Anliegen Jesu – herauf, er sammelt alle Menschen, die belebte und unbelebte Natur in die neue Schöpfung des Auferstehungsmorgen.

Gott kommt aus der Zukunft auf uns zu. Er ist immer adventlich, ist der der kommt. Jedes Jahr feiert die Kirche vier Wochen lang Advent, feiert, dass Gott kommt, feiert die Zukunft Gottes. Gott kam und Gott kommt zu uns in unsere Welt. Er lässt sich auf die Materie, auf die Ambivalenz und die Begrenztheit ein. Er wird konkret – in Jesus und zu jeder Zeit neu. Dabei ist Gott nicht einfach unser Futur, unser nächster Schritt. Gott legt nicht fest, lässt Spielraum. Er gibt Vollmacht, nicht Anweisung, wirkt durch seinen Geist in den Glaubenden, aber vertraut sich ihrer Entscheidung an. Er lebt den Advent einer offenen Zukunft. Zugleich ist Gott auch treu und steht zu seiner Selbstoffenbarung in der Vergangenheit. Zwischen seiner Treue zu sich und seinem adventlichen, je neuen, jungen Kommen gibt es keinen Widerspruch. Jesus Christus ist und bleibt für Christ*innen immer das wahre Bild Gottes. Und so ist Kirche adventlich, jung und hat allen Grund zu mutiger Bekehrung hin zu den Menschen heute und dem gemeinsamen Haus Erde – und ist zugleich für immer von der Nachfolge Jesu, von den Geheimnissen seines Lebens und ihrer eigenen Heils- und Unheilsgeschichte geprägt und darin gegründet.

Tradition und Advent – wenn sich diese beiden in einer guten Balance befinden, lebt Kirche in der Gegenwart Gottes, der Menschen und der Schöpfung: von Jesus geprägt, von seinem Geist belebt, frei für eine je neue Gegenwart. Frei für Gott, der aus der Zukunft auf sie zukommt. Frei sich stets neu zu bekehren. Frei für die Menschen und die Erde und ihre Fragen und Nöte heute. Frei und bevollmächtigt sogar über sich selbst hinaus zu gehen, dem entgegen, der die letzte Zukunft und Vollendung aller ist. In der Kirche ist immer Advent.

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