Geistliche Begleitung ist in der Theorie als Arbeitsbeziehung zweier Erwachsener definiert, die neben der Begleitung wenig oder gar keine persönliche Verflechtungen kennen. Immer wieder aber geschieht es, dass daraus im beiderseitigen Einvernehmen eine geistliche Freundschaft mit ganz eigenen Chancen wächst.

Geistliche Freundschaft

Text: Margit Maar-Stumm – Photo: umihir/pixabay.com

Als ich frischgebacken mit meiner ersten Begleitung anfing, war ich eifrig bemüht, alle erlernten Kriterien einer guten geistlichen Begleitung auf einmal umzusetzen. Da es auch für den Begleiteten das „erste Mal“ war, fehlte uns beiden jede Vergleichsmöglichkeit. Von den Lebensumständen her und unserem Naturell waren wir verschieden genug, um nicht jeden Stolperstein mitzunehmen. Ich hatte in meiner ersten Begleitung das Glück, einen Menschen begleiten zu dürfen, der in sich einen ausgeprägten eigenen geistlichen Kompass für sein Leben hat. Er merkt es manchmal nicht. Zu Beginn der Begleitung war meine Aufgabe, den Weg mitzugehen und darauf zu achten, wie sich dieser Kompass entwickelt. Wir haben beide –jeder für sich –das jeweilige Begleitgespräch reflektierend festgehalten, sowohl was den eigenen Part angeht als auch den Part des anderen. So wuchs langsam eine Vertrautheit für uns beide mit der Art/Methode der Geistlichen Begleitung und auch eine Vertrautheit miteinander. Manchmal verlief unser Wachstum irritierend parallel, wie bei zwei Zügen mit unterschiedlichem Herkunfts- und Bestimmungsort, die kurzzeitig eine längere Strecke parallel fahren. Um Übertragungen vorzubeugen, wurde diese Parallelität in supervisorischen Gesprächen thematisiert. Jeder von uns hat sich weiterentwickelt. Mit der Naivität der Unerfahrenen haben wir dieses Wachstum als normale Erfahrung der Geistlichen Begleitung gewertet. Es hätte auch so weitergehen können.

Nach ca. eineinhalb Jahren wurde vom Begleiteten in Vorbereitung auf seine Exerzitien der Wunsch geäußert, kurzzeitig etwas intensiveren Begleitkontakt zu haben. Die Begleitgespräche sind immer mit einer längeren Anfahrt verbunden. Ein häufigeres Treffen war deshalb nicht realistisch. Dadurch haben wir begonnen, uns zwischen den Treffen per Email auszutauschen. Hauptsächlich war es zu diesem Zeitpunkt ein Austausch über Bibelstellen im Hinblick auf die Exerzitien. Fast unbemerkt flossen mehr und mehr Lebenssituationen in die Mails ein – ausgelöst von Bibelstellen, geistlicher Literatur oder Filmen. Dieser intensivere Austausch wirkte nicht störend auf die Begleitung, obwohl wir dadurch einige formale Kriterien wie den vier-Wochenrhythmus oder das einstündige Gespräch verletzten. Weil wir sehr offen diese Entwicklung in unserer geistlichen Beziehung im Kollegengespräch haben anschauen lassen und es keine Einwände gab,  haben wir es sich weiter entwickeln lassen. Die Intensivierung unserer geistlichen Beziehung war kein bewusster Entscheidungsschritt, sondern nur ein Offen-sein für das, was sich da möglicherweise zeigen könnte. Eine große Portion Neugier von beiden Seiten, ein Hunger nach vertieft gelebter Spiritualität war vorhanden.

Im Rahmen des Pastoralplanprozesses unserer Diözese wurden Begriffe wie Charismen oder Sendung akzentuiert, die Theologen und Nicht-Theologen in der Bedeutung für den Alltag manchmal vor Hürden stellen. Aus einer Suchbewegung nach geistlichen Erklärungen heraus, um diese Begriffe für den Alltag und das kirchliche Leben in den Gemeinden fruchtbar zu machen, kam ein neuer eigener Aspekt des Austausches hinzu. Mittlerweile haben wir kein Feld des Lebens im intensiven geistlichen Austausch ausgelassen. Wir profitieren freilassend gegenseitig von unseren verschiedenen Charismen.

Durch die eher zufällige Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen einer Geistlichen Begleitung haben wir – wieder unter Zuhilfenahme von Kollegengesprächen festgestellt – dass sich die Geistliche Begleitung im Sinne einer Geistlichen Freundschaft verändert hat. Das setzt eine große Offenheit  voraus, Wachheit für Fallstricke, damit wirklich Jesus der Dreh- und Angelpunkt der Beziehung bleibt und eine besondere Achtsamkeit und Behutsamkeit im Rollenverständnis.  Es bleibt Geistliche Begleitung in dem Sinn, dass das Leben und das Wachstum des Begleiteten das wesentliche Merkmal dieser Beziehung darstellen. Gleichzeitig kommt eine beiderseitige betende Unterstützung eines spirituell gelebten Alltags hinzu. Oft gestaltet es sich so, dass aus unserem erweiterten Umfeld ein geistlicher Impuls auftaucht, der im Email-Schreiben von beiden experimentierfreudig weiterentwickelt wird für das jeweils eigene Leben. Häufiger treten dabei auch Kontroversen im spirituellen Austausch auf, bis jeder auf seinem je eigenen Weg die Gedanken oder Erfahrungen integriert hat.

Der Prozess war rückwirkend betrachtet spannend und herausfordernd. Es war manchmal ein Ringen um den richtigen Weg. Wenn Begleiter und Begleiteter dann einmal wechseln werden, bleibt die geistliche Freundschaft und bildet eine fruchtbare Grundlage zum weiteren Wachstum.

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