Theologie ist Sinn-Wissenschaft – angewiesen auf die Sachwissenschaften. Sie stützt den Glauben, wenn sie darauf verzichtet, scheinbar eigenes Sachwissen zu behaupten. Ihr demütiges Nicht-Wissen über die Dinge der Welt ist die Bedingung der Möglichkeit intellektuell redlichen Glaubens im 21. Jahrhundert.
Nicht-Wissen
Text: Peter Hundertmark – Photo: geralt/pixabay.com
Seit der ersten Systematisierung lateinischer Theologie durch Petrus Lombardus im 11. Jahrhundert bis zum Abschlussbericht der letzten Weltsynode weiß sich katholische Theologie auf andere Erkenntnisquellen angewiesen – zuerst die Philosophie, dann aber mit dem Aufkommen der empirischen Wissenschaften auch die anderen Fächer. Das wissenschaftliche Zeitalter hat dann die Theologie endgültig unter dem Anspruch von Aufklärung und Fortschritt auf ihr eigenes Terrain zurückgetrieben. Theologie ist Theologie – und eben keine Naturwissenschaft, keine Sozialwissenschaft, keine Humanwissenschaft. Theologie ist eine Sinn-, keine Sachwissenschaft. Sie verfügt nicht über ein eigenes empirisch-induktives Instrumentarium, um Sachwissen zu erarbeiten.
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Theologie ist Deutung über Deutung
Die Beziehung zwischen dem Sinnwissen der Theologie und dem Sachwissen der empirischen Wissenschaften geht über mehrere Zwischenschritte. Zwischen der Theologie und dem Sachwissen, das andere Wissenszweige zur Verfügung stellen, steht zuerst der Glaube. Denn Theologie reflektiert den Glauben und nur ausgehend vom Glauben die Wirklichkeit. Glaube selbst ist aber schon nur eine mögliche Deutung der Wirklichkeit neben anderen. Glaube ist nicht evidenzbasiert. Theologie macht also keine Aussagen über die Wirklichkeit, sondern darüber, wie sie gläubig gedeutet wird. Aufgabe der Theologie ist es also den Glauben zu reflektieren und ihm Deute-Möglichkeiten für das je neue Wissen und Erleben der Wirklichkeit zur Verfügung zu stellen. Theologie ist Deutung der Deutung, sekundäre Reflexion.
Glaube wiederum versteht sich als Antwort auf die Offenbarung. Offenbarung ist dabei ein präziser theologischer Begriff: Gemeint ist die Selbstmitteilung Gottes „im anderen seiner“ – oder nach der Formel des Konzilsdekrets Dei Verbum „Gotteswort im Menschenwort“ oder eben vermittelte Gottespräsenz in den Dingen und Geschehnissen der Welt. Offenbarung gibt es nie als „reines Phänomen“ – selbst Visionen und Auditionen sind durch psychische und physiologische Realitäten vermittelt und finden innerhalb einer bestimmten Zeit mit ihrem Weltverständnis und ihrer Weltdeutung statt. So sprechen die Erzählungen, auch die Visionen, der Bibel die Bildsprache der vorderorientalischen Antike und müssen aus ihr heraus entschlüsselt werden.
Als Selbstmitteilung Gottes macht die Offenbarung keine Aussagen über die Wirklichkeit. Sie findet in der Wirklichkeit der Menschen statt, nutzt die materialen Gegebenheiten, ist aber selbst kein Ding dieser Welt und macht darüber auch keine Aussagen, die unabhängig von Glaube und Glaubensdeutung wären. Als solche ist Offenbarung nie eindeutig oder gar zwingend. Offenbarung ist in sich schon Deutung und lässt immer einen Deutungsraum für die menschliche Freiheit. Sie beruht auf von den Glaubenden geteilten Annahmen und Deutungen.. Die Offenbarung macht nicht einmal Aussagen über Gott, sondern nur darüber, wie Menschen ihre Erfahrungen als Mitteilungen Gottes gedeutet haben, also den Glauben vorausgesetzt maximal darüber, welches „Gesicht“, welchen Aspekt von sich selbst Gott offenbaren wollte. Gott selbst bleibt unausforschbares Geheimnis und allem Wissen-Wollen entzogen. Zwischen der Offenbarung und dem Glauben besteht ein sich gegenseitig erhellender und stabilisierender Kreislauf.
Theologie nun bemüht sich, den Gehalt der Offenbarung aus ihrem Kontext zu verstehen, dann davon zu isolieren und auf andere Verstehenskontexte zu übertragen. So greift sie beispielsweise auf die Schöpfungserzählung in Genesis 1 zu. Sie versteht deren Aussage darin, dass die Welt alleine in einem guten und wohlwollenden Gott gründet und in sich gut und sinnvoll ist. Auch ordnet sie die Ruhe nach getaner Arbeit dem tätigen Wirken über und schafft auf diese Weise den Rhythmus aus Werk- und Sabbat-/Sonntagen. Diese Aussagerichtung löst die Theologie dann von dem antiken Weltverständnis und seinen „naturwissenden“ Annahmen und stellt sie den Glaubenden für ihr heliozentrisches, astronomisch informiertes Weltverständnis zur Verfügung. Verantwortlich arbeitende Theologie macht aber keine Aussagen über die Erschaffung der Welt in sieben Tagen oder durch Milliarden Jahre lange Evolution. Ausgehend von der gleichen Erzählung greift Theologie die Offenbarungsüberzeugung auf, dass der Mensch Ebenbild Gottes ist, durch seine Seele Anteil an dem lebensspendenden Hauch-/Geist Gottes hat – und leitet daraus eine unzerstörbare Würde jedes Menschen ab. Aber sie macht damit keine Aussagen über Psychologie, über Humanbiologie, nicht einmal darüber, ob es so etwas wie eine Seele im Sinne evidenzbasierter Wissenschaft überhaupt gibt und auch nicht darüber, ab wann ein ungeborener Foetus eine Seele hat oder wann der Tod eines Menschen wirklich eingetreten ist, weil seine Seele ihn verlassen hat.
Weder der Glauben, noch Offenbarung, noch die Theologie verfügen über ein besonderes, die Alltagsvernunft oder die Fachwissenschaften ergänzendes Wissen über die Wirklichkeit. Theologie und Glauben machen keine Sachaussagen und können keine Sachaussagen über Urknall und Astronomie, über den Kohlenstoffzyklus, über RNA und DNA, über Krankheitsbilder und Therapien… machen. Sie machen Deute-Aussagen, Sinn-Aussagen. Dazu wendet die Theologie ihre Verfahren auf Alltagsvernunft und die induktiv gewonnenen Einsichten der Natur-, Human- und Sozialwissenschaften an, reflektiert deren Ergebnisse und weist ihnen im jeweiligen theologischen Gedankengebäude einen über sie selbst hinausweisenden Sinn zu. Theologie schafft durchaus Wissen, aber eben sekundäres „Sinn-Wissen“, nicht Sachwissen. Von den Dingen der Welt weiß sie nur, was ihr andere Wissensbereiche zur Verfügung stellen.
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Die integristische Versuchung
Allerdings begleitet die integristische Versuchung – aus der Offenbarung Erkenntnisse über die Wirklichkeit ableiten zu wollen – christliche Theologie quasi von Beginn an. Integristisch wird eine Theologie, wenn sie über ihre Erkenntnismöglichkeiten hinausgeht und Aussagen zu machen vorgibt, die sie nicht verantwortet treffen kann, weil sie darüber keine Kenntnis haben kann. Dieses Phantasieren produziert dann Ideologie, nicht Theologie und nicht Wissen. Für den Glauben intellektuell redlicher und wissenschaftlich informierter Menschen sind solche ideologischen Produktionen seit der Aufklärung und bis heute ein schweres Hindernis und ein Stein des Anstoßes. Christliche Theologie und christlicher Glauben haben ihre schlimmsten Zeiten – und in der Folge existenzgefährdende Niederlagen – dann erlebt, wenn sie sich für die integristische Versuchung geöffnet haben. Vieles davon wirkt bis heute weiter und zerstört den Glauben, statt ihn zu stärken. Einige Beispiele: Das angeblich biologische „Wissen“, dass Frauen keine Seele haben; die Zustimmung dazu, ganze Menschengruppen als Untermenschen zu verstehen, die versklavt werden dürfen; die Verurteilung des heliozentrischen Weltbildes Galileis; die Ablehnung der Evolutionstheorie Darwins; die pseudowissenschaftliche Theorie des „Intelligent Design“; manche unvorsichtige Aussage über die Geschlechtlichkeit des Menschen oder über neurophysiologische und reproduktionsmedizinische Erkenntnisse… Noch einmal in aller Deutlichkeit: Theologie hat kein gesondertes Wissen über diese Dinge und kann es auch nicht haben. Wir haben es bei allen integristischen Aussagen mit theologisierenden Ideologien zu tun, die nur etwas über die Machtbedürfnisse und die Ängste der Theologen erzählt, aber nichts zum sachgerechten Verständnis der Wirklichkeit beitragen.
Das heißt natürlich nicht, dass Theologie zu allen diesen Dingen nichts sagen dürfte. Sie muss sich nur bescheiden und erkenntnistheoretisch sauber verhalten. Sie ist Deutung und Reflexion über Deutung. Damit unterscheidet sie sich noch nicht grundsätzlich von allen anderen Deutungen. Auch die empirischen Wissenschaften deuten. Es gibt das Ding-an-sich nicht. Jede Wahrnehmung ist immer gedeutet. Allerdings ist Theologie, da sie über kein eigenes Erkenntnisinstrument für die Dinge verfügt, kein eigenes Wissen hinzufügen kann, Deutung über Deutungen: über die Glaubensdeutung und über die deutenden Hypothesen der empirischen Wissenschaften. Theologie setzt die primären Deutungen voraus. Da die meisten natur-, human- oder sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch von unterschiedlichen Wissenschaftler*innen jeweils mit guten Gründen unterschiedlich gedeutet werden, muss sich Theologie – zumindest dort wo noch kein wissenschaftlicher Konsens gefunden wurde – erst mit den unterschiedlichen primären Deutungen vertraut machen, sie abwägen und unterscheiden bevor sie eine sachgerechte sekundäre Deutung mit Bezug auf die Offenbarung und den Glauben erarbeiten kann.
Am Beispiel der Evolutionslehre: Wenn man erst einmal die integristische Deutung des ersten Schöpfungsberichtes aufgegeben hat, ist es Aufgabe der Theologie, die schöpferische Tätigkeit Gottes, den Glauben an eine gute, menschenfreundliche Schöpfung und an die Würde des Menschen auf der Basis evolutionstheoretischer Einsichten neu zu sagen. Die schöpferische Mühe, die Gott sich macht, kann dann zum Beispiel mit Blick auf die Jahrmilliarden der Entwicklung, die notwendig waren, um eine Erde entstehen zu lassen auf der Menschen leben können, neu und groß zum Strahlen gebracht werden. Und das auch ohne gegen das „Razor of Ockham“ – dem seit dem 14. Jahrhundert gültigen erkenntnistheoretischen Prinzip, dass es unnütz und schädlich ist, mehr Gründe einzuführen, als zu zufriedenstellenden Erklärung eines Phänomens minimal nötig sind – zu sündigen und ein intelligentes Eingreifen „Gottes“ an und über die Stellschrauben der Evolution hinaus annehmen zu müssen.
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Nicht-Wissen als Bedingung der Möglichkeit des Glaubens
Die Theologie arbeitet, wenn sie so vorgeht, rettend für den Glauben. Sie ermöglicht ihm Weiterentwicklung, sachgerechte Wirklichkeitsdeutung und relevante Handlungsentscheidungen. Sie hilft dem Glauben, die Offenbarung unter den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts zu verstehen und Gott für die Menschen heute glaubwürdig und in der Sprache und mit den Bildern unserer Wirklichkeit zu sagen. Sie ermöglicht auf diese Weise einerseits, dass Gott „groß“, relevant und staunenswert bleibt und nicht von den Wissenschaften pseudotheologisch verzwergt und verdrängt wird. Sein Himmel ist eben nicht erst hinter der letzten mit Radioteleskopen auffindlichen Galaxie zu suchen. Er ist auch kein Uhrmacher, der sich damit begnügen muss, das Uhrwerk der Welt einmal in Gang gesetzt zu haben. Wissenschaftliche Theologie als Sinn-Wissen verhindert aber andererseits auch scheintheologische Phantastereien und Ideologieproduktionen. Letztlich macht sorgfältig arbeitende Theologie durch ihren Verzicht auf ein eigenes Weltwissen dem intellektuell redlichen, gottsuchenden Menschen zeitgemäßen Glauben erst möglich.