Wer bin ich? Wozu bin ich? Was gibt mir Halt? Fragen, die jeder Mensch mehr oder weniger reflektiert für sich beantwortet. Nicht jedes Selbstbild ist aber gleich lebensfördernd. Christliche Spiritualität kann eine wichtige Ressource sein, damit Menschen ihr Selbst finden.

Selbst

Text: Peter Hundertmark – Photo: geralt/pixabay.com

Als physiologisches Mängelwesen, als Wesen, mit einer offenen, auf Resonanzen ausgerichteten Seele, als Wesen, das sich selbst beobachtet und sich seiner selbst über Zeit und Veränderung hin selbst bewusst ist, braucht der Mensch eine Vorstellung von seinem Selbst, um existieren zu können. Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Was soll aus mir werden? Identität, Bedeutung, Sinn, Perspektive, Werte… sind Elemente dieses Selbstkonzeptes. Jeder (psychisch gesunde) Erwachsene hat ein solches Selbstkonzept, verfügt mehr oder weniger bewusst über eine Vorstellung von sich selbst.

Während der Rahmen des Lebens in vormodernen Zeiten weitgehend von außen festgelegt war, im Bild es sich also für viele eher um ein „Exo-Skelett“ handelte, muss spätestens das Individuum der Postmoderne dieses Selbstkonzept weitgehend eigenständig entwickeln und pflegen. Immer wieder erzählen sich Menschen sich selbst und anderen. Sie weben dadurch ein oder mehrere Lebenserzählungen, in die sie die verschiedenen Rollen, Bezüge und Erfahrungsbereiche einfügen.

Dabei wirken auf alle Menschen ganz überwiegend unbewusste, jedenfalls unreflektierte Faktoren ein. Der bewusste und reflektierte Anteil hält sich in engen Grenzen. In der Folge sind wesentliche Anteile dieses Selbstkonzeptes der Selbstbeobachtung entzogen und werden erst in Krisen sichtbar.

In Krisen weißt sich dann jedoch auch, wie nachhaltig und resilienzgebend das eigene Selbstkonzept ist. Hierbei sind erhebliche, existentiell hoch relevante Unterschiede zu beobachten. Generell gilt, dass ein solches Selbstkonzept umso nachhaltiger und resilienter ist, je mehr bewusste Anteile darin eingebunden sind. Wer sich selbst nicht im Blick hat, wird in Krisensituationen von sich selbst mehr überrascht sein und mehr Notmanöver einleiten müssen, um die eigene Identität durch die Krise zu steuern.

Aber die Selbstkonzepte sind auch unterschiedlich für das Individuum und seine Identität leistungsfähig. Kein Selbstkonzept integriert alle Lebensbereiche und Erfahrungen. Immer fallen Elemente heraus, die nicht in eine der selbst-bewussten und geteilten Lebenserzählungen integriert werden. Je mehr Lebensbereiche, Begegnungen, Bedürfnisse… jedoch integriert werden können, desto flexibler und zugleich identitätssichernder kann das Selbstkonzept auf Krisen und Schicksalsschläge reagieren. Wer mehr Lebensbereiche einbinden konnte, findet wahrscheinlicher in sich Halt, wenn ein Bereich ins Wanken kommt.

Gehen in das Selbstkonzept viele externe Faktoren ein, die das Individuum wenig unmittelbar beeinflussen kann, gerät der Einzelne zwangsläufig in seinem Selbst in Abhängigkeit von äußeren, letztlich fremden Entwicklungen. Hängt der Sinn meines Lebens an einem anderen Menschen, bin ich in Gefahr, wenn diese Beziehung gestört ist oder abbricht. Oder ein Selbstkonzept beispielsweise, das die Sorge für die eigenen Kinder absolut ins Zentrum rückt, wird zwangsläufig erschüttert, wenn die Kinder den Haushalt verlassen. Je mehr nicht dem Wandel und der freien Entscheidung anderer unterworfene äußere Faktoren eingehen, desto resilienter ist das eigene Selbstkonzept.

Da kein Leben einfach immer gelingt und niemand von Sorgen, Niederlagen, Schmerzen, Abschieden und Trauer verschont bleibt, ist ein Selbstkonzept umso lebensstützender, je eher es Scheitern verarbeiten und ihm eine lebensvertiefende oder über das Leben hinausgreifende Deutung zuweisen kann. Ist das Leben der höchste Wert ist das Leben in Gefahr. Dies gilt verschärft für die Herausforderung der eigenen Sterblichkeit. Was bedeutet mein Tod und welche Perspektive bietet er mir? Gerade auch durch sein Sterben unterscheidet sich der Mensch von den Tieren.

Ein weiterer Faktor, der wesentliche Auswirkungen auf die Stabilität eines Selbstkonzeptes in allem unvermeidlichen Wandel hat, ist seine Bindungskraft. Verbindet mein Bild von mir selbst mich mit den Menschen um mich herum, mit meinen kulturellen Wurzeln, mit der Natur und einem von vielen geteilten Zweck? Je mehr Anschluss und Einbindung ein Selbstkonzept zulässt, desto wahrscheinlicher kann es positiv auf Veränderungen eines oder mehrerer wichtiger Umweltfaktoren regieren.

Nimmt man die verschiedenen Dimensionen dessen zusammen, was ein Selbstkonzept leisten muss, um ein humanes Leben zu stützen, wird die Chance sichtbar, die im Beitrag der Religionen liegen kann. Dabei gilt jedoch eine Vorsicht: Jede Religion ist erst einmal identitätsneutral. Sie kann Leben, Identität, Selbstwerdung, Mündigkeit, Individualität fördern oder behindern, je nachdem wie ihre Überzeugungen und Erfahrungen eingesetzt und kontextualisiert werden.

Christlicher Glaube und christliche Spiritualität haben jedoch bei aller gebotenen Vorsicht ein ungemein hohes Potential, ein nachhaltiges und resilientes Selbstkonzept des postmodernen Individuums zu fördern. Passion, Sterben und Auferweckung Jesu können die Grundlage schaffen, um Scheitern, biographische Brüche, Niederlagen und den eigenen Tod zu verarbeiten. Durch den konstanten Rückbezug auf die Heilige Schrift, die Tradition, auf die Schöpfung und die christliche Communio weltweit und über alle Generationen hinweg, leistet der Glaube einen wesentlichen Beitrag zur Einbindung des/der Einzelnen in umfassendere Kontexte. In der angebotenen personalen Gottesbeziehung tritt ein („Gesprächs“-)Partner in den Lebenslauf, der unwandelbar treu, bleibend wohlwollend ist und sogar den Tod übergreift. Mit dem Konzept der Nachfolge Jesu bietet der christliche Glaube zudem eine Perspektive für einen Lebenszweck, der von der ausschließlichen Ausrichtung an innerweltlichen und damit dem Wandel und dem Schicksal unterworfene Faktoren befreit.

Im Erfahrungsraum der christlichen Spiritualität kommen zudem personale Dimensionen zum Tragen, die hoch individualisiert sind und zugleich im Modus der Teilhabe in das „Projekt“ Jesu – Reich Gottes, Rettung der Menschen, Versöhnung der ganzen Schöpfung… – eingliedern. Christsein ist Partizipation an der Selbstsendung Gottes in Jesus Christus. Christ zu sein, bedeutet eine Mission zu haben, die in der Mission Jesu wurzelt und sich von ihr her misst.

In der geistlichen Vollgestalt des christlichen Lebens kommen zusammen: eine persönliche Berufung in die Schule und auf den Lebensweg Jesu – und das hat nur in wenigen Ausnahmefällen mit kirchlichen Berufen zu tun; die Verheißung, die Gott über mein ganz individuelles Leben gelegt hat und der „Name“, mit dem er mich nennt und der von meiner Würde, meinem Auftrag und meinem Lebensziel spricht; dazu die spezifische Mischung aus Talenten, Kenntnissen, Erfahrungen und Charismen, die der Geist Gottes durch mich wirksam werden lässt und meine Weise an meinem Platz und mit meinen Möglichkeiten und Grenzen an der Sendung Jesu konkret und alltagsrelevant mitzuwirken.

Die Kirche und die Kirchen eröffnen zudem einen Raum der Begegnung und des Austausches, der es dem/r Einzelnen möglich macht, ihre/seine Selbstbeobachtung mit anderen Christ/innen zu teilen und immer wieder Elemente eines wohlwollend, ehrlichen Feedbacks zu bekommen. Mit den verschiedenen Methoden des Glaubensgespräches in Gruppen und mit der Geistlichen Einzelbegleitung sind bewährte Verfahren etabliert, die die Bewusstheit des Individuums über sein Selbstkonzept fördern und ihn/sie dabei unterstützen, immer weitere Bereiche des Lebens – sub specie aeternitatis und aus der lebendigen Beziehung zu Gott heraus – existentiell in dieses Selbstkonzept zu integrieren. Geistliche Übungen, spirituelle Traditionen und Impulse treten hinzu und verstärken die Selbstwerdung, indem sie den Übenden in Auseinandersetzung mit Sinngebungen ruft, die ihn zugleich unmittelbar angehen, existentiell ergreifen und weit überschreiten.

Christliche Glaube und christliche Spiritualität werden jedoch nur fruchtbar, wenn sie auch auf die Selbstwerdung des Einzelnen hin verkündet und gelebt werden. Ihre geistliche Kraft entfalten sie in der Postmoderne, wenn sie den Einzelnen als Beiträge zu einem je persönlichen Selbstkonzept zur Verfügung gestellt werden. Auf diese Weise können die Menschen die christlichen Überzeugungen, Werte und Erfahrungen nutzen, um sich selbst auszusagen und ihrem Leben Ausrichtung, Bedeutung und Halt zu geben.

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