Ein ungemein gefährlicher Satz… Unzähligen Menschen wurde damit Leid zugefügt. Lässt er sich positiv verstehen? Ist eine Entgiftung möglich? Für mich spricht er davon, wie wir heute Schülerinnen und Schüler Jesu und dann auch Gesandte an seiner statt sein können.

„Wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt…

Text: Peter Hundertmark – Photo: pxby666/pixabay.com

… ist meiner nicht würdig.“  … Einer der Sätze des Neuen Testamentes, der am häufigsten nicht als Frohbotschaft ausgelegt wurden. Auf Millionen Frauen – um nur ein Beispiel zu nennen – wurde und wird – mit diesem Satz von Predigern Druck ausgeübt, sich nicht gegen ihre gewalttätigen Männer zur Wehr zu setzen. Ganze Bevölkerungsgruppen wurden damit ruhiggestellt. Unendlich viele Menschen wurden damit vertröstet und handlungsunfähig gemacht. Immer entlang der gleichen moralisierenden Interpretation, dass zugefügtes Leid als Konsequenz der Zugehörigkeit zu Christus akzeptiert werden muss. Und wer traut sich schon, einer so hoch aufgeladenen Begründung zu widersprechen.

Diese Interpretation läuft jedoch bei Lichte besehen der Intention des Neuen Testamentes diametral entgegen. Das Anliegen Jesu war es, gute Nachrichten (Evangelium) für arme Leute zu bringen. Er unterstreicht dieses Anliegen mit Heilungen und Befreiungen. Der Satz hingegen wurde zur Unterdrückung genutzt, um Menschen unfrei zu machen, sie in ungerechte und gewaltförmige Lebensverhältnisse einzukerkern – weil sie angeblich nur so ihr Heil gewinnen können. Seine Auslegung und Anwendung war und ist oft zutiefst missbrauchend.

Der Kontext

Betrachtet man den Kontext, öffnet sich jedoch eine andere Möglichkeit, den Satz von der Kreuznachfolge zu verstehen. Das ganze 10. Kapitel des Matthäus-Evangeliums reflektiert darauf, was es heißt, mit Jesus auf dem Weg zu sein und mit ihm mitzuwirken. Formal richtet sich die ganze Rede an die zwölf Jünger, die Jesus zu Beginn des Kapitels ausgewählt hat. Es geht darum, was Jüngerschaft ausmacht und wer deshalb darauf aufbauend für die Mission besonders geeignet ist. Direkt vor dem fraglichen Satz wird erklärt, dass die Jüngerschaft nicht durch familiäre Bindungen eingegrenzt oder verhindert werden darf: „Wer Vater und Mutter mehr achtet…“ Davor werden Risiken der Jüngerschaft abgewogen: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe…“ Der Satz von Kreuz und Nachfolge steht in diesem Kontext und fügt für die Frage nach dem Wesen der Jüngerschaft einen weiteren Aspekt hinzu.

Dabei kann der Satz wohl kaum von Jesus selbst stammen, denn er setzt ja das Wissen um das Passionsgeschehen voraus. Der Satz von der Kreuznachfolge hat seinen Sitz im Leben in den Fragen, Problemen und Auseinandersetzungen der ersten Gemeinden. Er antwortet auf die Frage, wer wirklich authentisch Jünger*in Jesu ist.

Innere Bilder

Um den Satz für heute aufzuschlüsseln, lohnt es, genau hinzuschauen, welches Bild der Schreiber vor den inneren Augen hat. Grammatikalisch sind zwei Zuordnungen möglich. Zuerst: Das eigene Kreuz tragen, wie es in der Regel übersetzt wird. Dann ist das Bild der kreuztragende Jesus selbst. Das passt zu der Erfahrung, die viele machten und machen, die sich für Christus, den Glauben und ihre Mitmenschen einsetzen. „Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige gezerrt“. Dabei ist ein entscheidender Unterschied zu anderen Widerfahrnissen von Gewalt zu beachten. Die hier anklingende Gefahr eines „Kreuzes“  ist eine Nebenwirkung des Zeugnisses für den Glauben und des Einsatzes für das Reich Gottes. Diese Gefahr ist real, wie die unzähligen Märtyrer*innen belegen. Und so wie die Jünger sich nicht durch familiäre Erwartungen einhegen lassen sollen, so sollen sie sich auch von diesem Risiko nicht abhalten lassen. Die Risiken der Jüngerschaft dürfen aber nicht blindlings auf alle möglichen Gewalterfahrungen durch Unrechtssituationen übertragen werden, ohne die Aussage zu pervertieren.

Die andere mögliche Lesart ist: sein – im Sinne von Jesu – Kreuz (mit-)tragen, womit das Bild von Simon von Cyrene als Hintergrundfolie aufscheint. Im Kontext eines Kapitels, das die Jüngerschaft erläutern und bebildern will, fügt diese zweite Interpretation einen zusätzlichen Aspekt hinzu. Denn mit Simon von Cyrene klingt eine ganz spezifische Weise der Nachfolge an: Ein Mitgehen und Mithelfen auf dem Passionsweg. Da geht es darum, Jesus und seinen Weg auch in der Passion nicht zu verlassen. Es geht um Konsequenz und um Solidarität mit dem Leidenden. Es geht um eine Liebe, die auch in Gefahr und Not nicht alleine lässt.  Eine Liebe und Nachfolge, die zudem dann eintritt, als die Zwölf und die anderen bisherigen Jünger von der Bildfläche verschwunden sind.

Authentisch

Diese zweite Lesart bringt außerdem ein wesentliches Kriterium für eine der zentralen Frage der ersten Christinnen und Christen: Wer sind die richtigen, die wirklich verlässlichen Jünger/innen Jesu? Wer vermittelt ein authentisches Bild von Jesus? Wem kommt damit eine zentrale Rolle in der entstehenden Gemeinschaft zu und wer ist vielleicht (nur) als „Freund/in der Bewegung“ einzuschätzen? Auch wenn diese Freund/innen der Jesus-Bewegung durch dieses Kapitel bei Matthäus in eine zweite Reihe gesetzt werden, sind sie unverzichtbar wichtig, denn ohne sie könnte die wandernde Gruppe um Jesus herum und könnten später die reisenden Zeug/innen der Auferstehung ihre Form der Nachfolge nicht leben. Die Jesus-Bewegung setzt sich notwendig immer aus diesen beiden Gruppen zusammen. Konsequent wird die Gruppe der Freund/innen direkt an den Satz von der Kreuznachfolge anschließend mit herein geholt: „Wer einem/r Jünger/in auch nur ein Glas Wasser gibt, weil er/sie ein/e Jünger/in ist, wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“

In diesen Kontext der Frage nach den „Säulen“ der Gemeinde und den zentralen Zeug/innen für Christus hineingestellt, sagt „das Kreuz nehmen“: Die echten Jünger/innen Jesu sind diejenigen, die nicht nur in Galiläa dabei waren, als er heilte und predigte und die vielen Menschen anzog, sondern die, die auch mit ihm nach Jerusalem gegangen sind, die sich mit ihm in Gefahr begeben haben, die dabei waren, als er sich im Tempel mit den Händler anlegte, die mit das Abendmahl gefeiert haben und dann auch in Gethsemani dabei waren – auch wenn sie vielleicht das entscheidende Geschehen verschlafen haben. Symbolisch stehen dabei die Zwölf für eine größere, aber doch zahlenmäßig überschaubare Gruppe innerhalb der Jesus-Bewegung.

Den ganzen Weg Jesu mitgehen

So gewendet, bedeutet der Satz also, dass die Jünger/innen diejenigen sind, die den ganzen Weg Jesu mitgegangen sind. Diese Deutung stützt auch das griechische Wort, das zumeist mit „würdig“ wiedergegeben wird. Es heißt im griechischen Text „axios“. Als Bild und Oberton läuft dabei mit: Auf einer Linie liegen, dazugehören, vergleichbar und angemessen sein. Es ist nicht zwangsläufig ein moralisch aufgeladenes Wort,  ein Tonfall der im deutschen „würdig“ fast unvermeidlich mitklingt. „Wer nicht das Kreuz aufnimmt und auch auf dem Weg nach Jerusalem und auf dem Passionsweg bei mir bleibt, liegt nicht auf einer Linie mit mir, kann nicht mit mir verglichen werden“ lässt sich der Satz umsprechen.

Damit dockt er direkt an das Kriterium für die Jüngerschaft an, das die Apostelgeschichte im ersten Kapitel einführt: Ein wirkliche Jünger ist der, der von der Taufe im Jordan bis nach Jerusalem dabei war und der auch jetzt, nach der Katastrophe des Kreuzes noch dabei ist. Diese Leute sind die verlässlichsten Zeugen der Auferstehung. Zum Glück wird das gleiche Kriterium auch für die Frauen bestätigt, die in einigem Abstand beim Kreuz Jesu stehen. Es gibt neutestamentlich eindeutig nicht nur Jünger, sondern auch Jüngerinnen, die diese umfassende Form der Nachfolge gelebt haben. Mehr noch, anders als die Männer sind die Frauen auch noch den Kreuzweg mitgegangen und stehen beim Gekreuzigten. Sie haben das Kreuz genommen und sind Jesus buchstäblich nachgefolgt.  Stellvertretend für die Gruppe der Frauen wird deshalb Maria von Magdala ganz konsequent auch die erste Zeugin der Auferstehung.

Perspektiven für die ersten Gemeinden

Aber das Kapitel über die Jüngerschaft klärt nicht nur rückwirkend die Zugehörigkeit. Es weist auch in die Zukunft der jungen Christ/innen-Gemeinde. Abzulesen ist das an der zentralen Stellung, die die Fragen der Mission in dem Kapitel über die Jüngerschaft einnehmen. Die Jünger/innen Jesu und mit ihnen die Glaubenden sehen sich gerufen, nach dem Tod Jesu, die Botschaft von der Auferstehung und damit vom Leben und Lehren Jesu zu allen Völkern zu tragen.

Die Zeit der ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu aber, derer die physisch mit ihm unterwegs waren, die auch die ersten waren, die sich nach der Kreuzigung wieder gesammelt haben, geht gerade zu Ende, als die Evangelientexte aufgeschrieben werden. Damit stellt sich die Frage nach der zweiten und allen weiteren Generationen von Glaubenden: Leben sie ihren Glauben aus zweiter Hand? Sind sie ausschließlich auf das Zeugnis der ersten Generation angewiesen? Ein Makel der späten Geburt beziehungsweise des falschen Wohnortes… Oder gibt es eine Weise auch aus dem zeitlichen Abstand so intensiv mit Jesus verbunden zu sein, wie es die ersten Jüngerinnen und Jünger waren?

Das Problem der zweiten – und aller weiteren Generationen

Die Evangelisten beantworten diese Frage, indem sie ihre Evangelien schreiben. Sie sichern damit nicht nur die Erinnerung an Jesus, sein Handeln und seine Lehre, sie schaffen auch einen Einübungsweg. Indem der/die Glaubende sich meditierend, erwägend, betrachtend, aneignend… auf den Weg Jesu einlässt, ihn glaubend mitgeht und nachvollzieht, begibt er/sie sich in seiner Zeit in die Schule Jesu. Er/sie wird ein/e Jünger/in. Er/sie lässt sich von Jesus formen, wie die ersten Jünger/innen geformt wurden, indem sie Jesus begleiteten. Die Evangelien laden ein, das Leben Jesu geistlich durchzuerleben, als wäre es jetzt und als wäre ich dabei.

Die gleiche Intuition prägt später das Kirchenjahr: jedes Jahr werden die Glaubenden den ganzen Lebensweg Jesu geführt. Sie geben sich in die Geschichten hinein und lassen dann den Text hinter sich. Sie treten persönlich, existentiell ein in die Geheimnisse des Lebens Jesu. Das Leben Jesu verwebt sich mit ihrem Leben und prägt und formt es. Mit den Hirten gehen sie zum Stall in Bethlehem. Sie begegnen Jesus, wie er als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt. Sie sind mit am Jordan und hören die Stimme „Das ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“ Sie gehen innerlich sogar dort mit, wo niemand physisch dabei war: als der Engel zu Maria kommt, die Versuchungszeit in der Wüste, wenn Jesus alleine in der Nacht betet… Sie bleiben wach und in der Nähe, wenn Jesus in Gethsemani betet, sie sind beim Verhör dabei, als die Mutigsten der Jünger nur draußen im Hof sitzen konnten. Sie erleben an sich auch die Zweifel, die Hoffnungen, die Angst, die Überraschung… der ersten Jüngerinnen und Jünger. Sie erleben die gleichen inneren Widerstände: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Sie kämpfen vergleichbar den Zeitzeug/innen damit, Auferstehung und Neuschöpfung zu begreifen.

Keine Jesus-Verehrung ohne Kreuz

In diese geistliche Aneignung des Weges Jesu, dieses Bemühen um Jüngerschaft der zweiten Generation, muss schon Paulus immer wieder in Erinnerung rufen: Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten. Das Bedürfnis, der Katastrophe des Verbrechertodes auszuweichen, sich lieber an den weisen Rabbi aus Nazaret, an den Heiler und Freund der Armen… und dann an den Auferstandenen zur Rechten Gottes, den Richter der Lebenden und der Toten… zu halten, war zu jeder Zeit eine Versuchung der Glaubenden. Immer wieder kommen Gerüchte auf, Jesus sei gar nicht gekreuzigt worden. Da habe eine Verwechslung vorgelegen. Oder Christus sei gar nicht wirklich Mensch gewesen und habe deshalb auch nur zum Schein gelitten. Diese Vorstellungen sind historisch bis in die Abfassungszeit der Evangelien zurück belegbar. Die Evangelien legen sie sogar Petrus in den Mund, der Jesus direkt nach dem Messiasbekenntnis vom Weg nach Jerusalem und von der Lebenshingabe abbringen will. Passion und Kreuz sind einfach zu anstößig. Sie stehen der Verehrung Jesu Christi als Gott im Weg, wirken abstoßend und machen die Mission oft schwierig bis unmöglich.

Vielleicht ist es in eine solche Gemengelage und Diskussion hinein, dass Matthäus seinen Satz vom Kreuz schreibt: Wer die Nachfolge auf die Zeit in Galiläa begrenzen will, wer das Kreuz auslassen möchte, der liegt nicht auf einer Linie mit Jesus, der gehört nicht ganz zu Jesus, der ist Jesu nicht würdig. Und im Kontext des zehnten Kapitels: Der/diejenige verkündigt auch nicht den wahren Glauben. Er/sie ist nicht wirklich ein/e Missionarin, kein/e von Jesus Ausgesandte/r, nicht in der Tradition der Apostel/innen.

Mit anfassen

Bei Jesus auf seinem Passionsweg zu bleiben, im Nachvollzug wie Simon von Cyrene am Kreuz mit anzupacken, geistlich sich auch dem Tod am Kreuz und der Grablege auszusetzen,  verändert aber nicht nur den Glauben und die Gottesvorstellung fundamental. Es hat auch ganz praktische Konsequenzen. Wer den ganzen Weg Jesu als den Weg Gottes in der Welt, als den Weg der Erlösung begreift und akzeptiert, wer Jesus in seiner Not nicht alleine lässt, wer sich so in ein Mitaushalten des Unaushaltbaren einübt, wer unmittelbare, emotionale, existentielle Solidarität mit dem Leidenden lebt, wird diese Solidarität nicht auf Jesus beschränken wollen und können. Gelebte Solidarität mit den Leidenden, Sorge und Beistand, und in der Folge auch der politische Seitenwechsel auf die Seite der Armen und Leidenden wird so zum zentralen Vollzug des Christus-Glaubens. Wer sich für den leidenden Leib Christi, für den leidenden Menschen, für die leidende Menschheit, für die leidende Erde einsetzt, nimmt das Kreuz auf, fasst wie Simon von Cyrene mit an und folgt Jesus auch auf diesem Weg nach.Und nicht so selten führt das dann auch dazu, dass auch in sein/ihr Leben Leid und Kreuz tritt und sich so auch das Bild Christi, des Gekreuzigten in ihr/sein Leben spiegelt.

Wer nicht auch das Kreuz nimmt und mir auf meinem ganzen Weg – geistlich und im praktischen Engagement – folgt, der ist nicht mit mir zu vergleichen! lässt Matthäus Jesus sprechen. Oder positiv gewendet und Jesus in den Mund gelegt: Wer meiner Passion nicht ausweicht, wer bei den Leidenden bleibt und ihre Not an sich heranlässt, wer am Kreuz der Menschen mitanfasst, wer sich auf die Seite der Armen stellt, wer notfalls auch den durchkreuzenden Konsequenzen der Liebe nicht ausweicht… der ist wie ich.

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