Wenn Kirchenmitarbeiter über Eltern kleiner Kinder als Zielgruppe nachdenken, fällt ihnen Taufe, Kindergarten und Kindergottesdienst ein. Wer selbst Kinder hat, erinnert sich an die stressigen Zeiten. Geistliche Begleitung für junge Eltern? Wenn sie doch kaum Zeit für geistliches Leben haben?

Wie geht es dir? Geistliche Begleitung als mögliche Ressource für junge Eltern.

Text: Antonia Kirtzel – Photo: poison_ivy/pixabay.com

1. Wie leben heutige Familien in Deutschland?

All diese Themen sind in Familien mit zwei präsenten Elternteilen schon herausfordernd, noch mehr Aushandlung und Energie sind jedoch bei alleinbegleitenden Eltern gefragt. Weitere Formen, die vor individuellen Herausforderungen stehen (können) sind Familien mit geringen sozioökonomischen Ressourcen, Familien mit Zuwanderungsgeschichte, Familien, in denen einzelne Personen von chronischen Krankheiten betroffen sind oder mit einem Handicap leben, Trennungs- und Patchworkfamilien und Konstellationen, in denen Gewalt und Vernachlässigung eine Rolle spielen.[16]

Nach diesem schlaglichtartigen Ritt durch die Bedingungen, unter denen junge Eltern ihre Kinder derzeit in Deutschland ins Leben begleiten, soll nun ein Blick auf die daraus resultierenden (möglichen) Bedürfnisse der /des Einzelnen geworfen werden.

2. Was brauchen junge Eltern?

3. Junge Eltern und Geistliche Begleitung

Geistliche Begleitung als spezielle Form der seelsorglichen Begleitung, die für eine gewisse Zeit auf kontinuierliche Treffen angelegt ist, stellt das Individuum ins Zentrum. In Terminen von etwa einer Stunde „berühren die Themen der Gespräche das ganze Leben, das in seiner Ausrichtung auf Gott hin in den Blick genommen wird“. Das große Anliegen ist das menschliche und geistliche Wachsen der begleiteten Person, kurz gesagt: das „Mehr“. Alle Entscheidungen, die getroffen werden, um dieses „Mehr“ im eigenen Leben Gestalt annehmen zu lassen, trifft die begleitete Person selbst. Alle Prozesse werden – wenn auch nicht immer explizit ausgesprochen – im Licht des christlichen Glaubens gehört und gedeutet und beide Gesprächspersonen vertrauen auf Gottes Wirken. Um diesen speziellen Raum schaffen zu können, braucht es ausgebildete Begleiter:innen, die sich selbst ebenfalls begleiten lassen und über eine hohe Selbstreflexion verfügen, um sich beispielsweise nicht selbst zum Thema zu machen oder das Gegenüber manipulieren zu wollen. Die DBK-Schrift nennt die Persönlichkeit der begleitenden Person das „entscheidende Werkzeug der Geistlichen Begleitung“. Ebenso wird betont, dass Geistliche Begleiter:innen stets „im Namen der Kirche tätig“ und die Gespräche vom Seelsorgegeheimnis getragen sind.

Diese Begegnung, die ganz am Leben und Erleben des Gegenüber interessiert ist, kann ein Schlüssel sein, um junge Eltern in ihrer aktuellen Lebenssituation Weite, Entlastung und Perspektivwechsel erfahren zu lassen.

Selbstbestimmung

Haben die betreffenden Personen dann den Schritt getan (egal, ob Mutter oder Vater) und den Weg in eine Geistliche Begleitung gefunden, kann dort durch das festgelegte Zeitfenster, die Abwesenheit von Aufgaben und die Möglichkeit, sich ganz auf die eigene Person zu fokussieren, ein Raum entstehen, in welchem sich die jungen Eltern durch Erzählen, Spiegelung, Benennen der Emotionen, Nachfragen und/oder Impulse damit beschäftigen können, wie es ihnen wirklich geht und ob der Status quo den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht. Ist dem so, kann das Kraft schenken, die Herausforderungen und den Stress zu meistern, doch meistens erkennt man wohl doch, wo Diskrepanzen herrschen. Dann kann im Gespräch mehr und mehr hervortreten, welche Schritte derzeit möglich sind, um auch hier das bereits angesprochene „Mehr“ an Leben zu realisieren.

Orientierung

Vermutlich ist dies der Punkt, an dem sich die Dienlichkeit Geistlicher Begleitung am deutlichsten zeigen kann. Auch wenn es kein Ort der Erziehungsberatung ist (und auch gar nicht sein soll), kann den jungen Eltern hier eine Möglichkeit geboten werden, in Ruhe und Freiheit auf die eigenen Werte und Wünsche für sich, ihre Partnerschaft und die Kinder zu blicken. Oftmals ist der Familienalltag so trubelig und die Bedürfnisse der Kinder so omnipräsent, dass es passieren kann, dass Eltern gar nicht mehr wissen, was eigentlich ihre ganz eigenen Bedürfnisse, Sehnsüchte oder Fragen sind. Besonders im Wissen, dass alles Gesagte dem Seelsorgegeheimnis unterliegt, können dort auch Dinge ausgesprochen werden, die man sich in den eigenen Beziehungskontexten (noch) nicht traut laut zu sagen. Mithilfe des Begleiters/der Begleiterin, der/die wie beschrieben umsichtig agiert und die eigenen Prägungen gut kennt und sich von diesen nicht übernehmen lässt, indem schnell Ratschläge gegeben werden, können die Suchenden die Antworten in sich selbst (und in Gott) finden und damit Wege, authentisch für sich und die eigenen Überzeugungen einzustehen. Oder sie lernen für eine gewisse Zeit die Unsicherheit zu halten und zu akzeptieren, dass sie stets ein Faktor im Leben mit Kindern sein wird, denn vieles verläuft auch dort nach dem Prinzip „Trial and Error“.

Ebenso kann in diesem Kontext ein Blick darauf geworfen werden, inwiefern man das eigene Leben unter den veränderten Bedingungen an den Werten ausrichtet, die im Bereich des Glaubens und – wenn man es so formulieren will und kann – der Nachfolge Jesu eine Rolle spielen. Die theologische Kompetenz der Begleitperson macht es möglich, ohne viele Erklärungen auch diesen Aspekt der Lebensgestaltung zu betrachten.

Unterstützung

Unterstützung können sich Eltern auf vielerlei Weise wünschen und auch wenn keine Begleitperson einen Babysitterdienst übernehmen wird, ist doch das Begleitgespräch an sich bereits unterstützend. Zum einen durch die geschärfte Wahrnehmung der eigenen Themen, wie es bereits beschrieben wurde, was dabei helfen kann, wieder mehr in die eigene Authentizität zu finden. Zum anderen kann es dabei helfen, zunächst eigene Ressourcen zu entdecken und dabei auch erfinderisch zu sein, da alles erst einmal gedacht werden darf. Weiterhin kann der Rahmen aber auch genutzt werden, um darauf zu blicken, was einen davon abhält, um Hilfe zu bitten, welche eigenen Muster hier eine Rolle spielen und was nächstmögliche Maßnahmen wären, um sich hier selbst weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt kann in diesem Kontext das eigene Glaubens- und Gebetsleben in den Blick genommen und als Kraft spendende Ressource (wieder)entdeckt werden.

Ruhe und Entschleunigung

Ein gutes Begleitgespräch kann sich anfühlen wie eine Gelegenheit, aus dem Hamsterrad des Alltags auszusteigen und einmal hinaus- oder/und hineinzuzoomen, um das große Ganze oder kleine Einzelheiten in Ruhe zu betrachten. Insofern bringt bereits die Gesprächssituation an sich eine Entschleunigung, auch wenn natürlich zunächst der Termin an sich auch in den eng getakteten Familienalltag eingefügt werden muss. Ebenso können das Erzählen und das Raum-Einnehmen dafür sensibel machen, wo die hohe Geschwindigkeit des Alltags überhaupt notwendig ist und wo sie eventuell runtergeschraubt kann oder Dinge auch weggelassen oder anders gemacht werden können. Nicht nur hier kann ein Begleitgespräch dazu führen, das zu hinterfragen, was „wir eben schon immer so machen“.

4. Fazit


[2] Vgl. Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder. Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht, München 2016., 22. „Vielleicht ist die größte Angst heutiger Eltern aber die, dass sie ihren Job nicht perfekt machen: dass sie als Eltern vielleicht einmal einen Durchhänger haben und damit alles vermasselt ist. Dass sie ihren Kindern nicht das Beste bieten können – und schon haben die einen Schaden fürs Leben!“ (Ebd., 39)

[3] Vgl. Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder, 154.

[4] Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout, 21.

[5] Z.B. Geld, Bildung, Wohnort, medizinische Versorgung, Zugang zu Mobilität.

[6] Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout, 33.

[7] Vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Zehnter Familienbericht. Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlung, 2025, 6.

[8] Dazu im folgenden Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 2021, 218f.

[9] Wobei es hier auch große Differenzen zwischen sozioökonomisch schwächer und stärker gestellten Familien gibt, beispielsweise in der Möglichkeit Fördermöglichkeiten in Anspruch zu nehmen (vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 219).

[10] Vgl. Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout, 105.

[11] Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 218.

[12] Vgl. ebd., 219.

[13] Vgl. Schmidt, Nicola, artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020, 274.

[14] Vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 219.

[15] Vgl. Meul, Janine, Die Emotionsmanagerinnen. Mitfühlen, begleiten und ausgleichen – Wie Emotional Load Mütter ausbrennt, ELTERN abrufbar unter: https://www.eltern.de/familie-urlaub/emotional-load–wie-unsichtbare-arbeit-muetter-ausbrennt-13942688.html, abgerufen am: 28.08.2026.

[16] Vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 321f.

[17] Vgl. Schmidt, Nicola, Gastbeitrag: „Achtsamkeit, Stressbewältigung und Selbstfürsorge“ – von Lienhard, Valentin, in: artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020, 286f., 287.

[18] Es soll kurz erwähnt werden, dass besonders hier junge Eltern eine große und wichtige Zielgruppe darstellen für all jene, die genau diese Orientierung schenken wollen, oft aber auch gespickt mit einem wirtschaftlichen Interesse. Welchen Platz hier Geistliche Begleitung (eben auch als kostenloses Angebot) einnehmen kann, wird später erörtert.

[19] Gleichzeitig zeigt sich an dieser Stelle häufig auch, wie schwer es vielen fällt, wirklich nach Hilfe zu fragen.

[20] Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder, 162.

[21] Leider entsteht so ein Bumerang-Effekt, denn es geht Kindern besser, je größer das soziale Netzwerk ist. Vgl. Ebd., 167.

[22] Die folgenden Ausführungen folgen Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), „…und Jesus ging mit ihnen“ (Lk 24,15). Der kirchliche Dienst der Geistlichen Begleitung; Bd.; 39 (Die deutschen Bischöfe – Pastoralkommission), Bonn 22014.

[23] Hundertmark, Peter, Jenseits von „Ich bin nur mit“ – Geistliche Begleitung vor neuen Herausforderungen, Geistlich.net abrufbar unter: https://geistlich.net/jenseits-von-ich-bin-nur-mit-geistliche-begleitung-vor-neuen-herausforderungen/, abgerufen am: 26.08.2026.

[24] Um den Rahmen nicht zu sprengen, wird davon ausgegangen, dass die zu begleitenden Personen bereits einen Bezug zum christlichen Glauben und zu einer christlichen Kirche haben, worauf die Geistliche Begleitung mit ihrem Proprium des Schauens auf Gottes Weg mit dem Gegenüber aufbauen kann.

[25] Vgl. Meul, Janine, Die Emotionsmanagerinnen. Mitfühlen, begleiten und ausgleichen – Wie Emotional Load Mütter ausbrennt.

[26] Vgl. Jeremia 29,13 (EIN): „Ihr werdet mich suchen und ihr werdet mich finden, wenn ihr nach mir fragt von ganzem Herzen.“

[27] Besonders im Vergleich zu den Formaten von Psychotherapie u.a. liegt hier ein großer Vorteil, da es keine medizinische Einschätzung, lange Wartezeiten oder große finanzielle Ressourcen braucht, um Geistliche Begleitung in Anspruch nehmen zu können.

[28] In Anlehnung an Frère Roger: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“

[29] Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder, 230.


Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 2021.

———, Zehnter Familienbericht. Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlung, 2025.

Hundertmark, Peter, Jenseits von „Ich bin nur mit“ – Geistliche Begleitung vor neuen Herausforderungen, Geistlich.net abrufbar unter: https://geistlich.net/jenseits-von-ich-bin-nur-mit-geistliche-begleitung-vor-neuen-herausforderungen/, abgerufen am: 26.08.2026.

Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout: Kinder zugewandt begleiten ohne auszubrennen, Weinheim Basel 42025.

Meul, Janine, Die Emotionsmanagerinnen. Mitfühlen, begleiten und ausgleichen – Wie Emotional Load Mütter ausbrennt, ELTERN abrufbar unter: https://www.eltern.de/familie-urlaub/emotional-load–wie-unsichtbare-arbeit-muetter-ausbrennt-13942688.html, abgerufen am: 28.08.2026.

Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder. Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht, München 2016.

Schmidt, Nicola, artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020.

Schmidt, Nicola, Gastbeitrag: „Achtsamkeit, Stressbewältigung und Selbstfürsorge“ – von Lienhard, Valentin, in: artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020, 286f.

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), „…und Jesus ging mit ihnen“ (Lk 24,15). Der kirchliche Dienst der Geistlichen Begleitung; Bd.; 39 (Die deutschen Bischöfe – Pastoralkommission), Bonn 22014.

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