Wenn Kirchenmitarbeiter über Eltern kleiner Kinder als Zielgruppe nachdenken, fällt ihnen Taufe, Kindergarten und Kindergottesdienst ein. Wer selbst Kinder hat, erinnert sich an die stressigen Zeiten. Geistliche Begleitung für junge Eltern? Wenn sie doch kaum Zeit für geistliches Leben haben?
Wie geht es dir? Geistliche Begleitung als mögliche Ressource für junge Eltern.
Text: Antonia Kirtzel – Photo: poison_ivy/pixabay.com
„Wie geht es dir?“ Viele junge Eltern wissen, dass man diese Frage häufig nicht mit der Offenlegung der eigenen inneren Welt beantwortet, sondern schnell erzählt, was im Leben der Kinder gerade wichtig ist[1]: Welchen Meilenstein haben sie gerade erreicht, wie schlafen sie derzeit, welche Wörter können sie schon sagen und so vieles mehr. Die eigenen Gefühle, besonders die, über die es schwer fällt zu sprechen, finden in diesen meist kurzen Gesprächen keinen Platz und oftmals hat man selbst gar keinen Zugang zu ihnen. Das liegt in vielen Fällen an den Anstrengungen und Herausforderungen, die heute mit der Lebensphase „junge Elternschaft“ einhergehen: Die wirtschaftliche Lage, die es vielen Elternpaaren schwierig macht, soviel Zeit in die Betreuung der Kinder zu investieren, wie sie es möglicherweise individuell gern tun würden (besonders in der intensiven Phase zwischen 1 und 3 Jahren), der Anspruch, es „richtig“ zu machen[2], die Vereinbarkeit der zahlreichen organisatorischen Puzzlestücke, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt (Stichwort „Mental Load“) und nicht zuletzt die Überforderung durch die Konfrontation mit den eigenen Prägungen und Erfahrungen, wenn man plötzlich an emotionale und körperliche Grenzen gebracht wird, die man vorher so nie erlebt hat oder mit dem verfügbaren Freiraum regulieren, ignorieren und unterdrücken konnte. Besonders bei Letzterem sind viele junge Eltern von sich selbst überrascht oder auch erschrocken, welche Wut sie beispielsweise in sich spüren oder welchen Grad von Erschöpfung man erreichen kann. Die Gründung einer Familie geht häufig einher mit Unsicherheit, Isolation und Selbstentwertung, Rollenkonflikten und Selbstzweifeln.[3]
Nora Imlau schreibt in ihrem Buch „Bindung ohne Burnout“ (2025) ausführlich über die Veränderungen, die sich im Bereich der Elternschaft vollzogen haben und zitiert letztlich eine Mutter mit dem Bild eines zu kleinen Spannbettlakens, welches über ein zu großes Bett gezogen wird: „Irgendeine Ecke kommt immer zu kurz.“[4] Umso wichtiger wird der Blick auf die äußeren[5] und inneren Ressourcen, die zur Verfügung stehen, um diese Herausforderungen nicht nur zu meistern, sondern auch Freude an der Elternschaft empfinden zu können. Imlau zählt unter den – wie sie sagt – unsichtbaren Ressourcen „Geduld, Empathiefähigkeit, Willensstärke oder eben Energie“[6] auf. Diese können natürlich beliebig ergänzt werden, beispielsweise mit Glaube, Verbindung zu sich selbst, Erfahrung, Selbstkenntnis. Genau in diesem Bereich kann der Dienst der Geistlichen Begleitung einen Raum eröffnen, um solche Ressourcen zunächst zu entdecken und dann auch zu nähren und zu stärken. Davon ausgehend, soll im Folgenden auf einzelne Aspekte eingegangen werden, die den positiven Einfluss Geistlicher Begleitung auf die Situation, in der sich junge Eltern zumeist befinden verdeutlichen. Zunächst wird jedoch sehr kurz diese aktuelle Situation heutiger junger Familien beschrieben.
1. Wie leben heutige Familien in Deutschland?
Um diese Frage zu beantworten soll hier ein knapper Blick in die letzten Familienberichte des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend geworfen werden. Der Bericht von 2025 führt die aktuellen Zahlen auf, ob Kinder bei verheirateten (68%), liierten (12%) oder alleinerziehenden (20%) Eltern aufwachsen[7], was bereits einen Aspekt der Veränderungen aufweist: Es gibt nicht mehr nur EIN Familienmodell, sodass man mehr und mehr darauf angewiesen ist, selbst herauszufinden, welche Form zu einem selbst passt (insofern man frei ist in der Entscheidung). Der Bericht von 2021 stellt dann ausführlicher dar, dass sich Elternschaft aus unterschiedlichen Gründen auch inhaltlich verändert habe.[8] Dazu wird aufgeführt, dass zwischen 2001/02 und 2012/13 die zeitlichen Investition von Müttern und Vätern in die Begleitung ihrer Kinder deutlich gestiegen sei, die Zufriedenheit jedoch gesunken. Das läge vor allem an den hohen Anforderungen, die inzwischen an Eltern gestellt werden. Großer Druck wird hierbei vor allem im Bildungserfolg der Kinder genannt[9] oder auch im Bereich der Gesundheit: Eine vielfach verbesserte Diagnostik führe auch zu verstärkter Sichtbarkeit von Krankheitsbildern und der Anforderung, sich damit zu beschäftigen und ggf. zu (be)handeln. Zudem hat sich der Ansatz der „bedürfnisorientierten Erziehung“ immer mehr verbreitet[10],„deren angemessene Berücksichtigung nicht selten mit Unsicherheiten der Eltern verbunden ist, oftmals Verhandlungen erforderlich macht und Eltern mitunter in Zwiespalt geraten lässt“[11]. Ebenso belastend könne die an vielen Stellen noch mit Unsicherheiten belegte Frage nach dem Umgang mit Medien sein.[12] Selbst noch ohne Smartphone oder Social Media aufgewachsen, ist besonders die Generation der Millenials gefragt, ihren eigenen Kindern in der digitalisierten Welt Orientierung und Schutz zu bieten. Nicola Schmidt verweist zudem noch auf den Freizeitstress als belastenden Faktor[13], der den Eltern ein hohes Maß an Organisationstalent abverlangt.
Nicht unerwähnt soll hier auch die Vielzahl an Gender Gaps bleiben, die trotz steigenden Engagements von Vätern im Bereich der Familie noch herrschen, beispielsweise der Gender Pay Gap oder der Gender Care Gap. Immer noch liegen die Hauptlasten der Arbeit, die eine Familie fordert zumeist bei den Müttern[14] besonders im Bereich des Emotional Load, womit die Tatsache beschrieben wird, dass die meisten Frauen sich für die Gefühle der Personen in ihrem Umfeld verantwortlich wähnen und daher in diesem Bereich viel Energie investieren, die natürlich an anderer Stelle fehlt.[15] Hier könnte sicher im Bereich der Begleitung ein ganz eigener Bedarf nur für Frauen generiert werden. Dem nachzugehen würde allerdings im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen.
All diese Themen sind in Familien mit zwei präsenten Elternteilen schon herausfordernd, noch mehr Aushandlung und Energie sind jedoch bei alleinbegleitenden Eltern gefragt. Weitere Formen, die vor individuellen Herausforderungen stehen (können) sind Familien mit geringen sozioökonomischen Ressourcen, Familien mit Zuwanderungsgeschichte, Familien, in denen einzelne Personen von chronischen Krankheiten betroffen sind oder mit einem Handicap leben, Trennungs- und Patchworkfamilien und Konstellationen, in denen Gewalt und Vernachlässigung eine Rolle spielen.[16]
Alles in allem kann man über die meisten Bereiche das Wort „Stress“ schreiben, welcher den Alltag mit kleinen Kindern häufig prägt und damit Einfluss auf die gesamte Person (Geist und Körper) der Eltern nimmt.[17]
Nach diesem schlaglichtartigen Ritt durch die Bedingungen, unter denen junge Eltern ihre Kinder derzeit in Deutschland ins Leben begleiten, soll nun ein Blick auf die daraus resultierenden (möglichen) Bedürfnisse der /des Einzelnen geworfen werden.
2. Was brauchen junge Eltern?
Natürlich würde diese Frage jeder Mensch ganz individuell beantworten, auch Eltern von Babies und Kleinkindern. Doch ein paar Gemeinsamkeiten werden sich überall finden, dazu muss man nur mal in eine Krabbelgruppe oder zum Babyschwimmen gehen und den Gesprächen lauschen. Natürlich sind da die schlichten Grundbedürfnisse wie etwa ausreichend Schlaf, ausgewogene und in Ruhe verzehrte Mahlzeiten oder ganz allgemein mehr Zeit für sich. Letzteres lässt sich zusammenfassen in den allgemeinen Wunsch nach mehr Selbstbestimmung. Wenn die besonders anstrengenden Phasen kommen (Entwicklungsschub, Zahnen, Abstillen…) wünschen sich gerade Mütter mehr Leichtigkeit und auch in einigen Fällen die Gewissheit, es „richtig“ zu machen. Dadurch dass es inzwischen so viele verschiedene Meinungen, Programme und Ansätze gibt, wie man die verschiedensten Entwicklungsschritte eines Kindes einleiten und begleiten kann, herrscht neben der Freiheit und Wahl auch eine große Unsicherheit. Hierin zeigt sich das Bedürfnis nach Orientierung.[18] (Hierbei sei besonders auf den Umgang mit „großen Gefühlen“ hingewiesen – sowohl beim Kind als auch bei sich selbst. Viele junge Eltern sind anders erzogen worden, als sie es selbst gern tun wollen und kommen daher immer wieder an ihre Grenzen, wenn es um sogenanntes „negatives Verhalten“ geht.) Ebenso merkt man in der Elternschaft mehr und mehr wie wichtig ein breit aufgestelltes Netzwerk ist, um in verschiedenen (Not-)Fällen auf Unterstützung zurückgreifen zu können[19], sei es eine helfende Hand im Haushalt oder jemand, der mal das Kind/die Kinder übernimmt, wenn man es braucht. Renz-Polster bringt es auf den Punkt: „Wer Kinder haben will, braucht Helfer.“[20] Und diese Helfer:innen bzw. „das Dorf“, wie es gern genannt wird, fehlen in den meisten Fällen.[21] Weiterhin ist da der schlichte Wunsch nach Ruhe und Entschleunigung, dass die Tage nicht so eng getaktet sein mögen (besonders dann, wenn man die Abläufe von mehreren Kindern organisieren muss) und es besonders am Abend etwas mehr Kraft und Zeit gibt für die eigene Regeneration.
3. Junge Eltern und Geistliche Begleitung
3.1. Voraussetzung, Form und Anliegen Geistlicher Begleitung[22]
Geistliche Begleitung als spezielle Form der seelsorglichen Begleitung, die für eine gewisse Zeit auf kontinuierliche Treffen angelegt ist, stellt das Individuum ins Zentrum. In Terminen von etwa einer Stunde „berühren die Themen der Gespräche das ganze Leben, das in seiner Ausrichtung auf Gott hin in den Blick genommen wird“. Das große Anliegen ist das menschliche und geistliche Wachsen der begleiteten Person, kurz gesagt: das „Mehr“. Alle Entscheidungen, die getroffen werden, um dieses „Mehr“ im eigenen Leben Gestalt annehmen zu lassen, trifft die begleitete Person selbst. Alle Prozesse werden – wenn auch nicht immer explizit ausgesprochen – im Licht des christlichen Glaubens gehört und gedeutet und beide Gesprächspersonen vertrauen auf Gottes Wirken. Um diesen speziellen Raum schaffen zu können, braucht es ausgebildete Begleiter:innen, die sich selbst ebenfalls begleiten lassen und über eine hohe Selbstreflexion verfügen, um sich beispielsweise nicht selbst zum Thema zu machen oder das Gegenüber manipulieren zu wollen. Die DBK-Schrift nennt die Persönlichkeit der begleitenden Person das „entscheidende Werkzeug der Geistlichen Begleitung“. Ebenso wird betont, dass Geistliche Begleiter:innen stets „im Namen der Kirche tätig“ und die Gespräche vom Seelsorgegeheimnis getragen sind.
Geistliche Begleitung steht heutzutage in einer großen Vielfalt von anderen Angeboten, welche Menschen darin unterstützen wollen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten bzw. sich selbst besser auf die Spur zu kommen. Als größter Unterschied zu Formen wie Psychotherapie, Supervision oder Beratung wird das Referenzwissen im Bereich von Theologie und Spiritualität genannt und weiterhin, dass im Mittelpunkt die Gottesbeziehung stehe und weniger bzw. nicht das Suchen von Lösungen oder eine Form von Wissenstransfer. „Es geht nicht um die Einführung in ein Theorie-Gebäude, sondern um die Initiation in eine Begegnung.“[25]
Diese Begegnung, die ganz am Leben und Erleben des Gegenüber interessiert ist, kann ein Schlüssel sein, um junge Eltern in ihrer aktuellen Lebenssituation Weite, Entlastung und Perspektivwechsel erfahren zu lassen.
3.2 Wo kann Geistliche Begleitung bei jungen Eltern andocken?
Zunächst soll auch an dieser Stelle noch einmal angemerkt werden, dass die jeweiligen Situationen, in denen sich junge Eltern konkret befinden und wie sie diese erleben, höchst individuell sein können und hier keine pauschalen Aussagen getroffen werden sollen. Gleichzeitig werden von den oben herausgestellten sich ähnelnden Bedürfnissen ausgehend ein paar Gedanken folgen, inwiefern Geistliche Begleitung genau da ein passendes Angebot schaffen bzw. sein könnte.[26]
Selbstbestimmung
Vorausgesetzt, dass bereits Kenntnis über Inhalt, Ablauf, Verfügbarkeit und Erreichbarkeit besteht, ist die Entscheidung Geistliche Begleitung auszuprobieren oder/und dann längerfristig in Anspruch zu nehmen, bereits ein großer Schritt der Selbstbestimmung. Jedoch muss hier schon eine Hürde übersprungen werden, nämlich jene, etwas für sich selbst zu tun. Diese Erkenntnis bzw. Erlaubnis, sich selbst (wieder) an erste Stelle zu setzen, nachdem man sich ja bewusst für ein Lebensmodell starker Fremdbestimmung entschieden hat, braucht manchmal einige Zeit. Wie bereits in der Situationsanalyse erwähnt, fühlen sich besonders viele Frauen, aufgrund ihrer Prägung verantwortlich für das Wohlbefinden aller anderen[27] und können somit große Schwierigkeiten damit haben, Grenzen zu ziehen, um für sich einzustehen, sich einmal nicht zurückzunehmen. Das erscheint ihnen dann oft als egoistisch.
Haben die betreffenden Personen dann den Schritt getan (egal, ob Mutter oder Vater) und den Weg in eine Geistliche Begleitung gefunden, kann dort durch das festgelegte Zeitfenster, die Abwesenheit von Aufgaben und die Möglichkeit, sich ganz auf die eigene Person zu fokussieren, ein Raum entstehen, in welchem sich die jungen Eltern durch Erzählen, Spiegelung, Benennen der Emotionen, Nachfragen und/oder Impulse damit beschäftigen können, wie es ihnen wirklich geht und ob der Status quo den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht. Ist dem so, kann das Kraft schenken, die Herausforderungen und den Stress zu meistern, doch meistens erkennt man wohl doch, wo Diskrepanzen herrschen. Dann kann im Gespräch mehr und mehr hervortreten, welche Schritte derzeit möglich sind, um auch hier das bereits angesprochene „Mehr“ an Leben zu realisieren.
Orientierung
Vermutlich ist dies der Punkt, an dem sich die Dienlichkeit Geistlicher Begleitung am deutlichsten zeigen kann. Auch wenn es kein Ort der Erziehungsberatung ist (und auch gar nicht sein soll), kann den jungen Eltern hier eine Möglichkeit geboten werden, in Ruhe und Freiheit auf die eigenen Werte und Wünsche für sich, ihre Partnerschaft und die Kinder zu blicken. Oftmals ist der Familienalltag so trubelig und die Bedürfnisse der Kinder so omnipräsent, dass es passieren kann, dass Eltern gar nicht mehr wissen, was eigentlich ihre ganz eigenen Bedürfnisse, Sehnsüchte oder Fragen sind. Besonders im Wissen, dass alles Gesagte dem Seelsorgegeheimnis unterliegt, können dort auch Dinge ausgesprochen werden, die man sich in den eigenen Beziehungskontexten (noch) nicht traut laut zu sagen. Mithilfe des Begleiters/der Begleiterin, der/die wie beschrieben umsichtig agiert und die eigenen Prägungen gut kennt und sich von diesen nicht übernehmen lässt, indem schnell Ratschläge gegeben werden, können die Suchenden die Antworten in sich selbst (und in Gott) finden und damit Wege, authentisch für sich und die eigenen Überzeugungen einzustehen. Oder sie lernen für eine gewisse Zeit die Unsicherheit zu halten und zu akzeptieren, dass sie stets ein Faktor im Leben mit Kindern sein wird, denn vieles verläuft auch dort nach dem Prinzip „Trial and Error“.
Ebenso kann in diesem Kontext ein Blick darauf geworfen werden, inwiefern man das eigene Leben unter den veränderten Bedingungen an den Werten ausrichtet, die im Bereich des Glaubens und – wenn man es so formulieren will und kann – der Nachfolge Jesu eine Rolle spielen. Die theologische Kompetenz der Begleitperson macht es möglich, ohne viele Erklärungen auch diesen Aspekt der Lebensgestaltung zu betrachten.
Unterstützung
Unterstützung können sich Eltern auf vielerlei Weise wünschen und auch wenn keine Begleitperson einen Babysitterdienst übernehmen wird, ist doch das Begleitgespräch an sich bereits unterstützend. Zum einen durch die geschärfte Wahrnehmung der eigenen Themen, wie es bereits beschrieben wurde, was dabei helfen kann, wieder mehr in die eigene Authentizität zu finden. Zum anderen kann es dabei helfen, zunächst eigene Ressourcen zu entdecken und dabei auch erfinderisch zu sein, da alles erst einmal gedacht werden darf. Weiterhin kann der Rahmen aber auch genutzt werden, um darauf zu blicken, was einen davon abhält, um Hilfe zu bitten, welche eigenen Muster hier eine Rolle spielen und was nächstmögliche Maßnahmen wären, um sich hier selbst weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt kann in diesem Kontext das eigene Glaubens- und Gebetsleben in den Blick genommen und als Kraft spendende Ressource (wieder)entdeckt werden.
Ruhe und Entschleunigung
Ein gutes Begleitgespräch kann sich anfühlen wie eine Gelegenheit, aus dem Hamsterrad des Alltags auszusteigen und einmal hinaus- oder/und hineinzuzoomen, um das große Ganze oder kleine Einzelheiten in Ruhe zu betrachten. Insofern bringt bereits die Gesprächssituation an sich eine Entschleunigung, auch wenn natürlich zunächst der Termin an sich auch in den eng getakteten Familienalltag eingefügt werden muss. Ebenso können das Erzählen und das Raum-Einnehmen dafür sensibel machen, wo die hohe Geschwindigkeit des Alltags überhaupt notwendig ist und wo sie eventuell runtergeschraubt kann oder Dinge auch weggelassen oder anders gemacht werden können. Nicht nur hier kann ein Begleitgespräch dazu führen, das zu hinterfragen, was „wir eben schon immer so machen“.
4. Fazit
Da der Dienst der Geistlichen Begleitung prinzipiell für jede/n in jeder Lebenssituation eine Bereicherung darstellt – vorausgesetzt, dass Begleitperson und Setting stimmig sind –, ist dies auch für die Gruppe der jungen Eltern der Fall. Vor allem der Tatsache der mangelnden Zeit und Energie geschuldet, kann es diesen Menschen allerdings besonders zugute kommen, um eben diese intensive Lebensphase mit dem „Mehr“ an Authentizität, Freiheit in den Entscheidungen, Freude und Bewusstsein für den Moment zu erfüllen. Gerade in herausfordernden Phasen möchte Gott seiner Schöpfung nahe sein[28] und das gilt nicht zuletzt für jene, die sich ganz für andere einsetzen.
Die größten Schwierigkeiten, junge Eltern für dieses (kostenlose und verhältnismäßige leicht zugängliche[29]) Format zu begeistern sind zum einen der Faktor Zeit, dass es eben wirklich passen muss. Hierbei wäre natürlich auch zu schauen, ob es nicht zunächst oder in besonders dichten Phasen auch digitale Formate geben könnte für die Begleitgespräche oder eben auch mal dann doch mit (schlafendem) Kind beim Spaziergang. Wie für so vieles in der Elternschaft gilt auch hier, dass man kreativ werden darf und Begleitpersonen gut daran tun, wenn es für einen selbst passt, sich auch auf Neues einzulassen.
[1] Vgl. Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout: Kinder zugewandt begleiten ohne auszubrennen, Weinheim Basel 42025, 19.
[2] Vgl. Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder. Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht, München 2016., 22. „Vielleicht ist die größte Angst heutiger Eltern aber die, dass sie ihren Job nicht perfekt machen: dass sie als Eltern vielleicht einmal einen Durchhänger haben und damit alles vermasselt ist. Dass sie ihren Kindern nicht das Beste bieten können – und schon haben die einen Schaden fürs Leben!“ (Ebd., 39)
[3] Vgl. Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder, 154.
[4] Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout, 21.
[5] Z.B. Geld, Bildung, Wohnort, medizinische Versorgung, Zugang zu Mobilität.
[6] Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout, 33.
[7] Vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Zehnter Familienbericht. Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlung, 2025, 6.
[8] Dazu im folgenden Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 2021, 218f.
[9] Wobei es hier auch große Differenzen zwischen sozioökonomisch schwächer und stärker gestellten Familien gibt, beispielsweise in der Möglichkeit Fördermöglichkeiten in Anspruch zu nehmen (vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 219).
[10] Vgl. Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout, 105.
[11] Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 218.
[12] Vgl. ebd., 219.
[13] Vgl. Schmidt, Nicola, artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020, 274.
[14] Vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 219.
[15] Vgl. Meul, Janine, Die Emotionsmanagerinnen. Mitfühlen, begleiten und ausgleichen – Wie Emotional Load Mütter ausbrennt, ELTERN abrufbar unter: https://www.eltern.de/familie-urlaub/emotional-load–wie-unsichtbare-arbeit-muetter-ausbrennt-13942688.html, abgerufen am: 28.08.2026.
[16] Vgl. Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 321f.
[17] Vgl. Schmidt, Nicola, Gastbeitrag: „Achtsamkeit, Stressbewältigung und Selbstfürsorge“ – von Lienhard, Valentin, in: artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020, 286f., 287.
[18] Es soll kurz erwähnt werden, dass besonders hier junge Eltern eine große und wichtige Zielgruppe darstellen für all jene, die genau diese Orientierung schenken wollen, oft aber auch gespickt mit einem wirtschaftlichen Interesse. Welchen Platz hier Geistliche Begleitung (eben auch als kostenloses Angebot) einnehmen kann, wird später erörtert.
[19] Gleichzeitig zeigt sich an dieser Stelle häufig auch, wie schwer es vielen fällt, wirklich nach Hilfe zu fragen.
[20] Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder, 162.
[21] Leider entsteht so ein Bumerang-Effekt, denn es geht Kindern besser, je größer das soziale Netzwerk ist. Vgl. Ebd., 167.
[22] Die folgenden Ausführungen folgen Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), „…und Jesus ging mit ihnen“ (Lk 24,15). Der kirchliche Dienst der Geistlichen Begleitung; Bd.; 39 (Die deutschen Bischöfe – Pastoralkommission), Bonn 22014.
[23] Hundertmark, Peter, Jenseits von „Ich bin nur mit“ – Geistliche Begleitung vor neuen Herausforderungen, Geistlich.net abrufbar unter: https://geistlich.net/jenseits-von-ich-bin-nur-mit-geistliche-begleitung-vor-neuen-herausforderungen/, abgerufen am: 26.08.2026.
[24] Um den Rahmen nicht zu sprengen, wird davon ausgegangen, dass die zu begleitenden Personen bereits einen Bezug zum christlichen Glauben und zu einer christlichen Kirche haben, worauf die Geistliche Begleitung mit ihrem Proprium des Schauens auf Gottes Weg mit dem Gegenüber aufbauen kann.
[25] Vgl. Meul, Janine, Die Emotionsmanagerinnen. Mitfühlen, begleiten und ausgleichen – Wie Emotional Load Mütter ausbrennt.
[26] Vgl. Jeremia 29,13 (EIN): „Ihr werdet mich suchen und ihr werdet mich finden, wenn ihr nach mir fragt von ganzem Herzen.“
[27] Besonders im Vergleich zu den Formaten von Psychotherapie u.a. liegt hier ein großer Vorteil, da es keine medizinische Einschätzung, lange Wartezeiten oder große finanzielle Ressourcen braucht, um Geistliche Begleitung in Anspruch nehmen zu können.
[28] In Anlehnung an Frère Roger: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“
[29] Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder, 230.
Literaturverzeichnis
Bundeministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Neunter Familienbericht, 2021.
———, Zehnter Familienbericht. Unterstützung allein- und getrennterziehender Eltern und ihrer Kinder – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlung, 2025.
Hundertmark, Peter, Jenseits von „Ich bin nur mit“ – Geistliche Begleitung vor neuen Herausforderungen, Geistlich.net abrufbar unter: https://geistlich.net/jenseits-von-ich-bin-nur-mit-geistliche-begleitung-vor-neuen-herausforderungen/, abgerufen am: 26.08.2026.
Imlau, Nora, Bindung ohne Burnout: Kinder zugewandt begleiten ohne auszubrennen, Weinheim Basel 42025.
Meul, Janine, Die Emotionsmanagerinnen. Mitfühlen, begleiten und ausgleichen – Wie Emotional Load Mütter ausbrennt, ELTERN abrufbar unter: https://www.eltern.de/familie-urlaub/emotional-load–wie-unsichtbare-arbeit-muetter-ausbrennt-13942688.html, abgerufen am: 28.08.2026.
Renz-Polster, Herbert, Menschenkinder. Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht, München 2016.
Schmidt, Nicola, artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020.
Schmidt, Nicola, Gastbeitrag: „Achtsamkeit, Stressbewältigung und Selbstfürsorge“ – von Lienhard, Valentin, in: artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch, München 42020, 286f.
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), „…und Jesus ging mit ihnen“ (Lk 24,15). Der kirchliche Dienst der Geistlichen Begleitung; Bd.; 39 (Die deutschen Bischöfe – Pastoralkommission), Bonn 22014.