Die Unterscheidung der Geister – ein spirituelles Verfahren mit Wurzeln im Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola – stellt Hilfen zur Verfügung, wenn sich nach einer schwierigen Entscheidung oder einer größeren Veränderung im Leben unerwartet noch mehr Unklarheit und Unsicherheit einstellt.
Umkehren oder dranbleiben?
Text: Peter Hundertmark – Photo: melih58/pixabay.com
Jede*r kennt die Erfahrung: Man hat sich lange mit einer größeren Entscheidung schwer getan. Informationen wurden eingeholt und abgewogen. Fachliche Beratung wurde genutzt und Freunde befragt. Die Frage wurde innerlich hin- und hergeschoben, im Herzen erwogen. Eventuell wurden auch Gebet und die Unterscheidung der Geister eingesetzt. Dann ist die Entscheidung endlich da. Es fühlt sich stimmig und richtig an. Es stellt sich Erleichterung ein: So kann es weiter gehen. So passt es zu mir. So will ich es machen… Kurze Zeit später türmen sich Schwierigkeiten auf. Es kommen Zweifel mit Macht zurück. Es ergeben sich nochmal ganz andere Aspekte. Es entsteht im persönlichen Umfeld heftiger Widerstand. Alles scheint falsch zu ein.
In den Regeln für die Unterscheidung der Geister weist Ignatius von Loyola auf dieses Phänomen hin und warnt davor, jetzt unmittelbar aktiv zu werden: [Man soll] “… mit großer Wachsamkeit und Sorgfalt zusehen, und die Zeit der aktuellen Tröstung von der nachfolgenden Zeit unterscheiden, in der die Seele noch glüht und beseligt ist von der vergangenen Tröstung. Denn nicht selten bildet sie in dieser zweiten Zeit durch eigene Überlegungen und auf Grund von Gewohnheiten und von Folgerungen aus ihren eigenen Begriffen und Urteilen oder durch den guten oder den bösen Geist verschiedene Vorsätze und Ansichten, die nicht unmittelbar von Gott gegeben sind und darum sehr genau untersucht werden müssen, bevor man ihnen volles Zutrauen schenkt oder sie in die Tat umsetzt.“ (Exerztienbuch, 336)
Kurz und mit Worten unserer Zeit zusammengefasst, sagt er: Nach einer Entscheidung ist die Seele, ist der Verstand, einerseits ein wenig erschöpft, andererseits durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema noch sehr nach „außen“ hin offen und dadurch in gewisser Weise vulnerabler als sonst. Deshalb ist es eine besonders herausfordernde Zeit, in der leicht die falschen Schlüsse aus der zuvor getroffenen Entscheidung gezogen werden könnten.
Ähnlich wie mit langwierigen Entscheidungen kann es auch gehen, wenn eine größere Veränderung im Leben ansteht, wenn ein Übergang in eine neue Lebensphase bewältigt werden muss, wenn wesentliche Haltungen sich verändern, wenn eine Beziehung neu gestaltet oder aufgebaut werden will… Bildlich gesprochen hänge ich dann länger vor einem engen Tunnel – vergleichbar auch einer Art „Geburtskanal“ – fest, finde den Eingang nicht, traue sich nicht hinein. Die Vorstellung hindurch zu gehen, macht Angst, ist kaum auszudenken. Oft ist einfach auch nicht klar, was wirklich ansteht. Einzig die Wahrnehmung, dass das Bisherige nicht mehr stimmt und mich irgendwie mich nicht mehr trägt, ist zugänglich und einigermaßen „sicher“. Es ist irgendwie noch nicht reif. Die Bedenken sind noch zu groß. Die Unsicherheit, was „danach“ kommen könnte, bremst. Verlustängste und „Katastrophenphantasien“ können ins Kraut schießen. Vielleicht, so sagen Stimmen in mir und um mich herum, ist es doch besser, sicherer, im falsch gewordenen, aber vertrauten zu bleiben. Denn der Übergang könnte weh tun. Er wird verändern. Vielleicht geht er mit Trennungen einher. Die Richtung ist manchmal „im Kopf“ schon klar, aber Seele und Körper verweigern sich noch. Da hat es auch keinen Sinn zu drängen und es mit Gewalt zu versuchen. Wenn wenigstens Licht am Ende des Tunnels wäre, aber da ist erstmal länger nichts. Es ist nichts zu sehen.
Irgendwann aber ist es so weit. Manchmal geschieht es einfach: Ich gleite durch den dunklen Tunnel des Übergangs hindurch. Oft aber muss ich mich „Zentimeter für Zentimeter“ vorankämpfen, in meiner Phantasie immer davon bedroht, wieder zurück zu rutschen oder stecken zu bleiben. Manchmal werde ich durch äußere Faktoren wie hindurchgepresst oder mit Kraft hinein- und hindurchgezogen. Nahezu immer wird es als unvermeidlicher, unabweisbarer Prozess erlebt, der einfach abläuft – obwohl ich so viele „gute“ Gründe zu haben glaube, dass er mich überfordern wird oder in eine Richtung bringt, von der ich jetzt noch nicht sicher sein kann, ob ich mir selbst dann noch sympathisch bin. Die Wahrnehmung ist nicht selten: Das Leben schreitet voran, nimmt neue Aufgabe und Herausforderungen an – und zieht mich einfach hinter sich her.
Dann das Aufatmen, wenn es geschafft ist. Trost, neue Lebendigkeit, Stimmigkeit… Und ganz verständlich ein großes Bedürfnis nach Pause, Ausruhen, langsam-vorsichtigem Kennenlernen des „neuen Landes“ meiner neuen Wirklichkeit. Ängste vielleicht zugleich auch, ob ich mich da zurechtfinden werde, ob ich über die nötigen Fähigkeiten verfüge, in der neuen Lebensphase zu bestehen.
Genau dieser Moment – meist sind es nur Tage, selten mehrere Wochen – kann in der Weise problematisch werden, wie Ignatius sie bereits im 16. Jahrhundert beschreibt. Wenn die Achtsamkeit nachlässt, und damit die Wachsamkeit gegenüber alten Prägungen, Verwundungen, Haltungen, Lebenskonzepten… kann es sich plötzlich einerseits anfühlen, als hätte ich den falschen Weg gewählt. Es kann so aussehen, als sei nun alles noch schlimmer als zuvor. Etwas in mir oder Stimmen um mich herum sagen, ich hätte niemals dahin gekommen sein dürfen, wo ich jetzt angekommen bin. Plötzlich schreien ganz viele innere – und nicht selten auch äußere – Stimmen: „ZURÜCK!“ Oder es stellt sich andererseits der gegenteilige Effekt ein: Ich bin so beseelt vom Neuen, dass ich unbedachte Entscheidungen treffe. Es kann sich anfühlen, als müsse das „neue Land“ im Sturmschritt erkundet werden, ohne Rücksicht auf Verluste. Obwohl ich mit den Regeln des neuen Lebens noch nicht so richtig vertraut bin, wende ich sie nach Gutdünken an. Eventuell lasse ich mich von einem Übermaß von Emotionen bestimmen, wie ich es bisher noch nicht kannte. Es kann sich durchaus wie eine Art „zweite oder dritte Pubertät“ anfühlen.
Natürlich es kann sein, dass ich tatsächlich die falsche Entscheidung getroffen habe, die Entwicklung in die falsche Richtung ging. Denkbar, dass ich einem Irrtum und falscher Verlockung aufgesessen bin. Vielleicht bin ich in eine Sackgasse geraten und es hilft nichts, ich muss umdrehen und eine Strecke zurückgehen, eine andere Abzweigung suchen.
Aber es kann auch sein, dass Entscheidung und Entwicklung durchaus richtig waren und sich dennoch völlig falsch anfühlen. Körper und Seele, aber auch Beziehungen und äußere Erwartungskontexte sind wie alle Systeme darauf aus, sich selbst zu stabilisieren. Wenn sie durch eine wichtige Entscheidung, eine Weiterentwicklung, einen Übergang, eine Veränderung… aus der Balance gebracht werden, wenn sie destabilisiert werden, versuchen sie mit aller Macht, das alte Gleichgewicht wieder herzustellen. Systemstabilität wird da gerne mal allem anderen übergeordnet.
Der Trost, der sich gerade durch die gelungene Entscheidung, durch den bewältigten Übergang eingestellt hat, kippt dann manchmal in massive Trostlosigkeit. Nichts ist mehr klar. Nur noch Verwirrung, Sorge, Lähmung, Verzweiflung…
Wie aber in dieser Situation unterscheiden? Was stimmt jetzt?
Eine erste Maßnahme, denn ich selbst bin zu sehr im Chaos der inneren Bewegungen gefangen. Trostlosigkeit nimmt mir das klare Denkvermögen und meinen Emotionen kann ich gerade auch nicht wirklich trauen. Andere Menschen sehen meist klarer. Sie lassen sich weniger von dem anstecken, was in mir innen komplett durcheinander und trostlos ist. Also braucht es für das Unterscheiden mindestens einen anderen Menschen. Das kann ein*e Freund*in sein, der*die Partner*in, Kolleg*innen… Manchmal ist das Durcheinander so verworren, dass es fachliche Unterstützung braucht. Spezialist*innen für die Unterscheidung sind die Begleiter*innen aus dem Fachdienst Geistliche Begleitung der Bistümer und Landeskirchen. Ihr Dienst ist kostenlos und diskret.
Das Wichtigste ist es also, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen. Ihm*ihr die Entwicklung erzählen und das innere Chaos beschreiben. Für diesen anderen Menschen, wie für mich selbst, der ich in der Situation stecke, haben sich einige Fragestellungen und Perspektiven aus der Unterscheidung der Geister bewährt:
Ging die Entwicklung, bevor die Zweifel kamen, sich alles wieder falsch anfühlte, in eine Richtung von Lebendigkeit, Wachstum, Reife, Mündigkeit, Nähe zu Gott und Menschen, einem wohlwollenden Umgang mit mir selbst, Freiheit, Weite, neuem Realismus, Kreativität, Stärke…?
Wenn ich mich mit der Phantasie zehn Jahre weiter sehe und zurückblicke, kommt dann der Trost wieder an die Oberfläche? Hätte ich mir selbst von dann in zehn Jahren aus gesehen heute diese Richtung empfohlen?
Passt der Schritt zu meiner früheren Entwicklung und setzt etwas „logisch“ fort? Gibt es einen Eindruck von „es muss so sein“, der sich von keinem Zweifel ganz vertreiben lässt?
Klingt in der Veränderung meine Berufung, „mein Ding“ im Leben, die Verheißung über meinem Leben, mein Gnadenname von Gott her mit?
Bin ich damit in guter Gesellschaft, haben andere Menschen, deren Leben im Großen und Ganzen geglückt ist, ähnliche Schritte unternommen?
Gibt es etwas wie einen Wiederschein der Geheimnisse des Lebens Jesu, der durch die Oberfläche der Verwirrung hindurch scheint? Wird die Ehre Gottes – (die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch und die lebendige Schöpfung – frei nach Irenäus von Lyon) – dadurch größer oder bleibt sie zumindest gleich?
Oder umgekehrt:
Wäre das Leben in zehn Jahren enger, unfreier, hohl, uneigentlich, stecken geblieben, unreif, abgeschnitten, einsamer, irgendwie unwirklich? Kommt es mir so vor, als seinen Kräfte am Werk, die mein Leben dunkel machen, mich in den Schatten drängen, mich beugen, ausnutzen, entkernen?
Scheinen meine Emotionen dauerhaft nicht so richtig zur äußeren Situation zu passen?
Sprechen innere Stimmen zu mir, die ich als frühere Autoritätspersonen identifizieren kann und die eine mindestens ambivalente Wirkung auf mich hatten?
Fügt dieser Schritt sich nicht logisch an meinen bisherigen Weg an? Ist er vielleicht mit einem radikalen Wechsel, mit dem Abbruch von wichtigen Beziehungen, mit der Vernachlässigung übernommener Verantwortung verbunden? Fügt er meinem Körper dauerhaft Not zu?
Kommen Dinge wieder an die Oberfläche, von denen ich dachte, ich hätte sie längst überwunden und hinter mir gelassen? Scheinen alte Wunden wieder aufgebrochen? Stammen die Impulse aus Haltungen und Verhalten, die ich eigentlich an mir selbst nicht so mag, von denen ich schon weiß, dass sie mir und anderen nicht gut tun?
Fehlt der Entwicklung die Bodenhaftung? Kann es irgendwie nicht real und konkret werden, bleibt es in den Wolken hängen?
Macht mich das klein, unmündig, kindisch? Verzwerge ich mich auf diese Weise selbst, bringe mich in Abhängigkeiten? Wirkt es auf andere unterkomplex, spinnig, tollkühn, effekthascherisch? Geht ein Eindruck von „zu viel, zu sehr, zu „fromm“… – einfach nicht weg?
Wären mir Menschen, die sich so entwickeln, chronisch unsympathisch? Kann ich beim besten Willen keine Brücke zur Erlösung und Befreiung in Christus finden? Wird die Ehre Gottes kleiner durch die Entscheidung, durch den Übergang, durch das, was ich da machen will und wie ich scheinbar geworden bin?
Je nachdem, welche Seite hinter der akuten Trostlosigkeit eher zu überwiegen scheint, sind gegensätzliche Verhaltensweisen dran:
Entweder zurücktasten bis zu dem Zeitpunkt, an dem es noch stimmig, trostreich, „gesegnet“ war. Zwar kann ich die Entwicklung und die Zeit nicht zurückdrehen, aber wenn ich den letzten Moment finde, der noch ganz hell war, kann ich dort erspüren, welche Richtung eigentlich richtig gewesen wäre. Einmal davon eine Idee gewonnen, ist es Zeitverschwendung damit zu hadern, dass man falsch abgebogen ist. Niemand tut das absichtlich und wissentlich. Es ist eben passiert. Die Welt ist zu komplex und die Zukunft immer offen. Auch wenn ich also in der Regel nicht wirklich zurückkehren kann, kann ich aber doch überlegen, wie ich von dem Ort, wo ich heute bin, einen Weg in die Richtung finde, in die ich besser „damals“ schon gegangen wäre.
Manchmal ist das Umkehr, manchmal Kurskorrektur, manchmal Neuansatz… Meist aber ist es mit Anstrengung und Schmerzen verbunden. Ich muss mich von meiner früheren Entscheidung, vielleicht auch von den Menschen, die mir dazu geraten haben, distanzieren, vielleicht sogar trennen. Ich muss mich aus den Verstrickungen wieder freikämpfen. Vielleicht muss ich versuchen, angerichteten Schaden wieder gut zu machen oder falsch übernommene Verantwortungen rückabzuwickeln ohne noch mehr Schaden anzurichten.
Das ist kein Scheitern. Es kein moralisches Problem. Es ist eben so gekommen. Ich wusste es nicht. Ich wusste es nicht besser. Jetzt muss ich mich nochmal neu ausrichten. Und ich werde es tun.
Oder:
Mich kraftvoll gegen die nörgelnden Stimmen zur Wehr setzen. Zerstörerischen Botschaften aus dem Dunklen, Nebligen, Trostlosen ein klares Stoppschild aufstellen. Gegen die Kräfte ankämpfen, die mein inneres und äußeres System in das alte Gleichgewicht zurückdrängen wollen. Mich über Einwände, Bedenken, praktische Schwierigkeiten hinweg setzen.
Dran bleiben und durchhalten. Mit starker Stirn, breitem Kreuz und dicken Armen… notfalls mal eine Zeitlang mit „steifer Oberlippe“.
Fast immer ist es in solchen Momenten sinnvoll, dass ich mich weigere, schon wieder eine Entscheidung zu treffen, wo ich doch gerade mitten in der Verwirrung stecke. Es lohnt sich vielmehr hartnäckig Ausschau halten, denn das Dunkel wird sich wieder aufhellen. Vielleicht ist stehen bleiben dran, aber sicher nicht zurück gehen.
Oft muss ich mich gegen den Sturm der Gefühle und Einredungen stemmen. Ausnahmsweise ist es mal überhaupt nicht angeraten, auf Gefühle, innere Bilder, Träume, „Visionen“ horchen. Die vielfältigen Impulsen, die von ihnen ausgehen, nützen mir jetzt nichts, sondern treiben mich noch mehr in ins Durcheinander.
Es bleibt nur, mich mit dem Verstand, mit der Kraft der nüchternen Vernunft in der getroffenen Entscheidung und im Neuen festzuklammern.
Vielleicht muss ich „Eindringlinge“ aus meiner Vergangenheit immer wieder aus meinem heutigen Lebenshaus, aus dem „neuen Land“ hinauswerfen. Es hat keinen Sinn, dass ich mich einschüchtern lasse. Vielmehr lohnt es, regelmäßig aus den sich bis ins Unendliche aufsteigernden Katastrophenphantasien „die Luft rauszulassen“. Besser „Licht an machen“ und die reale Situation hell ausleuchten.
Wie schon oben gesagt: Eine ganz wesentliche Hilfe ist es dann, mich einem wohlwollenden und erfahrenen Menschen anvertrauen, damit er*sie mir beisteht und hilft, fest und entschieden zu bleiben.