Als Jesus auf einem Esel nach Jerusalem hineinreitet, ist das wirklich der Retter und König, auf den die Menschen warten? Das Johannesevangelium erinnert an die Auferweckung des Lazarus, um die Irritation zu überspielen. So kommt der Gottgesandte in seine Stadt?

 

Komm, wie Du bist!

Text: Peter Hundertmark – Photo: jldegenne0/pixabay.com

Eine informelle Einladung, ganz spontan – und damit es keine Umstände macht: Komm einfach, wie Du gerade bist! Keine Dresscode, kein aufwändig ausgesuchtes Gastgeschenk, vielleicht sogar unrasiert. Der lockere Spruch lässt aber eine Grundfrage sozialer Begegnung anklingen. Darf ich dort, bei diesen Menschen, in diesem Rahmen sein, wie ich bin? Oder muss ich mich da an Erwartungen anpassen, muss ich eine Rolle spielen, muss ich stark, schön, witzig, unkompliziert… sein? Kann ich mich dort so geben, wie mir jetzt gerade zumute ist, vielleicht traurig, oder müde oder einfach nur ein bisschen muffelig. Bin ich dort als Person akzeptiert? Darf ich dort echt, authentisch, ich sein? „Komm, wie Du bist“ – da schwingen Obertöne, die sagen: wir mögen Dich, so wie Du bist, mit deinen Werten und Überzeugungen, mit deiner Art zu reden und zu schweigen, mit deinen Grenzen, so wie du geworden bist. Hier musst Du nicht versuchen, größer, mutiger, klüger, abgeklärter, wichtiger zu sein, als Du es wirklich bist. Hier ist kein Ort, der Dich zu Masken und Maskeraden zwingt. Und Du kannst hier von Dir sprechen, von dem, was Dir wirklich wichtig ist. Du kannst mal probieren, wie es sich anfühlt, eine neue Erfahrung ins Wort zu bringen. Du kannst hier ungeschützt sein, denn Du bist durch unser bedingungsloses Wohlwollen beschützt.

Glücklich wer solche Orte hat, wer Freunde hat, die ihn/sie annehmen, wie er/sie eben ist. Manchmal, wenn alles gelingt, kann auch Kirche so ein Ort sein. Ein Platz, an dem Menschen mit allem, was sie bewegt, unverstellt und echt, Heimat nehmen dürfen. Auch eine Gruppe von einander fremden Menschen kann in so eine Kultur und Haltung achtsamen und achtungsvollen Wohlwollens hinein wachsen, dass tatsächlich viele kommen können, wie sie eben sind. Dort finden sie Gehör, wenn Sie über sich sprechen, über das, was wirklich ist, was ihr Leben in Freude und Schmerz ausmacht. Seelsorge bemüht sich, Begegnungen anzubieten, die implizit transportieren: Komm, wie Du bist! Auf diese Weise wird im Symbol greifbar und real, was wir von Gott glauben: Dass wir bei IHM alle willkommen sind, wie wir eben sind. Dass sein wohlwollender Blick bis in die letzten Tiefen unserer Existenz uns einhüllt in eine helle, warme Geborgenheit, in der wir ganz wir selbst sein können.

Wie aber ist es umgekehrt? Wenn Gott zu uns kommen will, darf er dann kommen wie er ist? Eigenartige Frage, Gott ist doch immer, wie er ist. Aber wollen wir ihn so erleben? Oder soll er doch lieber hilfreich, mächtig, am liebsten sogar allmächtig, in unserem Sinn gerecht, immer für uns erreichbar, oder soll er vielleicht lieb, harmlos, allverstehend und –vergebend sein. Wir bekennen ihn als Person und die Bibel bietet uns Erfahrungen mit Gott, die die ganze Palette der Emotionen umfassen: Gott wird als zornig erlebt, als traurig, mutig, freudig erregt, lustvoll, hoffend, eifersüchtig, geduldig, genervt, enttäuscht, liebevoll… Er ist das immer alles. In ihm verdrängen sich die Emotionen nicht gegenseitig, sie folgen nicht aufeinander. Aber will er für mich immer gleich sein? Wir verstehen Glaube als Beziehung zu Gott – und unsere Erfahrung mit Beziehungen sagt, dass die Partner in einer lebendigen, stabilen Beziehung sich immer wieder neu geben und finden. Darf Gott also zu mir kommen, wie er gerade mir gegenüber ist, wie ihm mit mir zumute ist? Eifersüchtig, mutlos, trostbedürftig, fordernd, gelangweilt, sanft oder rau… Gelingt es mir, Gott einen Raum grundsätzlichen Wohlwollens anzubieten, indem er echt, authentisch und unverstellt sein kann?

Einige biblische Bilder verdeutlichen die Herausforderung. Elija am Horeb muss lernen zu unterscheiden und auf eigene Erwartungen zu verzichten. Erst im Säuseln verschwebenden Schweigens ist Gott jetzt für ihn gegenwärtig, obwohl er ihn früher doch eher als Feuer und Schwert kennengelernt hat. Dem Propheten Hosea offenbart sich Gott mitten in einer patriarchalen Welt und quer zu einer religiösen Tradition, die ihm männlich Attribute zuschreibt, als stillende Mutter, die das Volk Israel wie einen Säugling an die Brust legt und es nährt und liebkost. In Jesus bekennen wir, dass Gott Mensch wird, dass er geboren wird wie alle Menschen: hilflos, sprachlos, machtlos, zu hundert Prozent auf andere angewiesen. Anderes Beispiel: der triumphale Einzug nach Jerusalem. Die Leute jubeln – und Jesus setzt sich auf ein Eselfohlen. Einen Esel ohne Sattel zu reiten, sieht weder elegant, noch würdevoll aus. Die ganze Erscheinung sagt, da kommt kein Herrscher, der die Feinde vertreibt, kein machtvoller Retter, der jetzt mal die Dinge klärt und alles gut macht. Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn, sagt der römische Hauptmann, als er Jesus sterben sieht und verwendet den höchsten kaiserlichen Titel für einen, der nur noch Schmerz und Leid war und jetzt tot ist. Gott, der tot ist…? Auch das ist echt und authentisch Gott.

Darf also Gott echt Gott sein? In Jesus zeigt er sich als einer, der die Machtlosigkeit wählt, der gehorsam ist, der hinabsteigt und sich ausliefert und auf diese eigenartig gottsinnige Weise Erlösung schafft – eben nicht durch Zauberwort, Gesetz, moralischen Appell, nicht „ex machina“ und „par ordre du mufti“. Gott ist auch Schöpfer, Heiland, Herr aller Mächte und Gewalten – aber eben auch ganz anders, sogar tot mit den Toten. Darf er also überraschen? Anders authentisch er selbst sein, als es jetzt praktisch wäre? Darf er kommen, wie er ist?

Die geistliche Erfahrung zeigt, dass es besonders die Momente sind, in denen Gott so ganz überraschend ist, die den Glauben lebendig halten und ihm Tiefe geben. Auch passt es zu seiner Freiheit und Größe. Er ist ganz unabhängig, niemandem etwas schuldig – und darin voller Leben, Kreativität und Zukunft. Mal überrascht er mit Zärtlichkeit, mal mit Trauer, mal mit einer Hilfe, die ich mir nicht auszumalen getraut hätte. Und manchmal will er auch ganz leise neben mir sitzen, so ganz ohne Wellen und Wirbel, und schauen, wie das Leben fließt. Um im nächsten Moment ultimativ zu fordern, jetzt mal das Netz auf der anderen Seite auszuwerfen, endlich mal eine billige Gewohnheit aufzugeben und mich mit ihm zu riskieren.

Gott ist immer authentisch Gott. Gott ist immer überraschend Gott. Ein Glück.
Mein Gott, komm, wie DU bist!

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